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Mein Buch PART 4

Kapitel 2

In den nächsten Tagen hielt ich mich am Rand von Berlin auf. Meine Nächte waren beschissen und die Tage genauso was aus dem wenigen Schlaf resultierte den ich bekam. Mit jeder Minute die ich einschlief hatte ich den selben Traum. Ich sah den Hergang wie Jenny starb. Mein Kopf zeigte mir die Bilder wie es passiert sein könnte.

Ihre Schreie nach mir und die voller Schmerzen dröhnten jede Nacht durch meinen Kopf. Und ich sah die Bilder wie sie gefesselt wurde und wie ihr eine verschwommene Person die Worte in die Stirn ritzte. Sie schrie noch lauter vor Schmerzen als dies passierte. Ich stand wie hinter einer Glaswand davor und konnte nichts tun. Schreiend und gegen meine Barriere hämmernd mußte ich Alles mit ansehen. Ich hatte insgesamt in drei Nächten den selben Traum. Jedes Mal wachte ich an der Stelle auf als die Spritze in Jennys Arm gestochen wurde. Mit dem Schrei der aus ihrer Kehle kam wachte ich auf.

Mein Auto stand am Wannsee auf dem Parkplatz. Das war meiner Meinung nach weit genug weg vom Kern der Gewalt. Wieder einmal wurde es hell nachdem ich mich selbst wach geschrien hatte. Langsam öffnete ich die Tür und stieg aus. Ich wollte erstmal zum Strand runter um mich etwas abzuregen.

Meine Hände steckte ich in die Jackentasche, da es so früh am Morgen noch sehr kühl war. Plötzlich spürte ich in meiner Tasche die Tüte mit den kleinen Kugeln. Ich schüttete den Inhalt auf meine Hand und schaute auf die vielen kleinen Kugeln runter. In meinem Kopf ging wieder Jennys Stimme umher.

"Nicht mehr lange...Ich reduziere schon seit einigen Wochen und nehme so schwer wie es ist nur noch zwei Kugeln am Tag." hörte ich ihre Worte erneut.

Wieder und wieder hörte ich sie sagen das sie Angst hat. Ich schloß die Augen und sah ihr Gesicht vor mir als wir uns auf dem Bahnhof das erste Mal küßten. Mein Körper zitterte wieder und ich zwang mich stehen zu bleiben. Mit einem Mal war das Bild vor meinen Augen weg und ich sah den Stuhl im Geist vor mir. Er war leer und das Seil baumelte hin und her. Ich öffnete erschrocken die Augen und schaute auf meine Hand die zur Faust geballt war. Langsam öffnete ich die Hand und sah die Kugeln mit dem Heroin.

Jetzt oder nie dachte ich und holte tief Luft. Mit einem lauten Schrei schmiß ich die ganzen Kugeln in hohem Bogen in den See. Ich schrie solange bis mir die Luft wegblieb und ich mit den Knien in den Sand klatschte. Ich fing schon wieder an zu weinen. Das war in diesen Tagen bestimmt zum hundertsten Mal das mir die Tränen kamen. Es war als ob ich einen jahrelangen Freund verloren hatte. In meiner Hosentasche spürte ich den Vibrationsalarm meines Handys. Ich wollte es ignorieren aber ich bekam die Stimme von ihr nicht aus dem Sinn das ich es beenden soll. Langsam zog ich das Telefon aus der Tasche und schaute auf den Display. Es zeigte Mo´s Nummer an und ich beendete den ganzen Kreis mit der Sekunde als ich seinen Anruf annahm.

"Sag mal hast du sie noch alle ? Wo bist du ? " schrie er ins Telefon.

Ich hatte den Willen es zu beenden und ich tat es auch. Unbeeindruckt von seinem Geschrei sagte ich nur einen Satz.

"Such dir einen anderen Deppen der dir den Arsch leckt."

Ich wartete seine Antwort nicht ab sondern ich schmiß das Handy den Drogen hinterher. Mit einem lauten Klatschen landete es im See. Jetzt hatte ich den Anfang gelegt mein altes Leben zu verlassen. Und dies war genau der Zeitpunkt das die Stimme in meinem Kopf aufhörte. Es war aber auch der Zeitpunkt an dem ich wußte das ich gejagt wurde.

Er würde sich so was nicht gefallen lassen und nach mir suchen. Und um mich zu finden würde er alle Hebel in Bewegung setzen. Es ist nur eine Frage der Zeit an der ich ihm oder einem seiner Jungs begegnen würde. Es lag aber in meiner Hand diese Zeit rauszuzögern. Ich wollte mich nicht unterkriegen lassen. Im Gedanken war ich bereit durch die Hölle zu gehen und jeden der mich daran hindern wollte aus dem Weg zu räumen. Irgendwie plante ich bereits einen kleinen Krieg gegen Mo und seine Halbaffen.

Warscheinlich würde ich die Stadt verlassen aber ich hatte vorher noch einiges zu klären. Ich wollte in erster Linie eine anständige Beerdigung für Jenny. Dazu machte ich mich auf den Weg zum Krankenhaus.

Es dauerte ne ganze Weile bis ich da ankam und irgendwie hatte ich ein wenig Panik davor diesen Ort nochmals zu betreten. Aber ich nahm meinen Mut zusammen und tat es einfach. Nachdem ich die Notaufnahme betreten hatte ging ich zur Schwester und fragte nach dem Arzt. Sie rief nach ihm und aus einem Hinterzimmer kam er angelaufen. Er sah mich ernst an weil ich warscheinlich schrecklicher aussah als jemals zuvor. Seit Tagen wußte ich nicht wo mir der Kopf steht und mein Schlaf war weniger als nichts. Wenn ich mich nicht irrte waren es schon vier Tage die ich mit meinem Kopf kämpfte.

"Wie geht es Ihnen ?" wollte er wissen.

"Wie soll es jemandem gehen der seit Tagen keinen richtigen Schlaf finden kann und sich mit schlechten Träumen plagt. " antwortete ich.

Er bat mich in sein Büro und zeigte auf den Stuhl. Ich setzte mich hin und sah ihn an. Noch immer sah er besorgt aus und zog sich Jennys Krankenakte vor.

"Also. Wir haben soweit alles klären können. Den Namen und die letzte Meldeadresse haben wir rausgefunden. Es gibt allerdings Probleme. "

"Und um welche Probleme handelt es sich konkret ?"

"Es geht darum sie zu beerdigen. Wir haben zwar die Eltern erreicht aber der Vater lehnte es ab sich darum zu kümmern."

Ich sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. Wie er den Begriff Vater ausdrückte sagte mir schon eine Menge über den Kerl aus.

"Lassen sie mich raten. Er is ein Arsch. Hab ich Recht ?"

Ein kurzes Grinsen konnte er sich nicht verkneifen. Danach wurde er sofort wieder ernst.

"Kann man so sagen. "

Er nahm einen Zettel vom Notizblock und schrieb etwas auf. Dann schaute er vorsichtig durch den Türspalt hinaus auf den Flur. Die Schwester fegte gerade vorbei und er schob mir langsam den Zettel zu nachdem sie aus dem Blickfeld war.

"Ich darf es zwar nicht aber hier ist die Adresse. Versuchen Sie als ihr Freund doch ihr Glück."

Schnell steckte ich den Zettel ein ohne vorher draufzusehen. Schwerfällig stand ich auf und der Arzt tat das Selbe. Ich reichte ihm die Hand und drückte sie kräftig.

"Ich danke Ihnen nochmal für Ihre Mühe. Um die Beerdigung werde ich mich selbst kümmern. Wann wäre es denn ungefähr möglich ?"

"Nun ich denke das sie es so schnell wie möglich machen sollten."

"Alles klar. Ich geb mein Bestes. " sagte ich und ließ seine Hand los.

Ich ging hinaus und sah dann erst vor der Eingangstür auf den Zettel. Es stand eine Adresse außerhalb von Berlin drauf. Genauer genommen war die Adresse in Wildau.

Ich stieg in mein Auto ein und machte mich auf den Weg dorthin, ohne nur im Geringsten zu ahnen was mich dort erwartete. Aber der Aussage des Arztes nach war ich auf alles eingestellt. Über die Autobahn gelangte ich bedeutend schneller am Ziel an. Zwar mußte ich mich nach dem Haus noch durchfragen aber als ich den Familiennamen Delang erwähnte verdrehten einige Leute die Augen aber sie erklärten mir wie ich da hin komme.

Die Reaktion der Bewohner sagte mir das der Arzt wohl recht hatte mit seiner Einschätzung der Familie. Natürlich wußte ich nicht ob die ganze Familie so schrecklich war oder nur der Vater. Ich fuhr langsam in die Straße hinein. Als ich vor das Haus kam dachte ich das mich ein Schlag trifft.

Der Vorgarten lag voll mit Müll und leeren Bierflaschen. Ich dachte mir meinen Teil und stieg aus meinem Auto aus. Langsam ging ich auf die Tür zu. Die Klingel war vollkommen zerstört also klopfte ich an die Tür. Nichts passierte. Nochmals hämmerte ich dagegen und dann hörte ich endlich ein Schließen. Die Tür öffnete sich und eine ungefähr vierzig jährige Frau stand vor mir. Ich sah sie von oben bis unten an. Sie sah aus wie Jenny. Die selben schwarzen Haare, die Augen und auch das Gesicht waren identisch. Man erkannte deutlich das es die Mutter war. Nur zwei Unterschiede waren zu erkennen. Sie war bei weitem älter und hatte am Arm unzählige blaue Flecke. Den Rest wollte ich lieber nicht sehen. Nun wußte ich das die Abneigung gegen die Familie wohl eher vom Mann ausgehen mußte.

"Frau Delang ? " fragte ich um überhaupt irgend etwas zu sagen.

Sie sah mich mit einem recht traurigen Blick an.

"Ja ? Was wollen Sie ? "

"Ich heiße David Stahnke. Ich bin der Freund Ihrer Tochter. " eine kuze Pause meinerseits entstand. "gewesen"

"Und ?"

In ihrem Blick sah ich das sie den Tränen nahe war aber es irgendwie schaffte sich zusammen zu reißen.

"Nun ich bin hier um erstens ihre Familie kennenzulernen und mich nochmal zu erkundigen wie es mit der Beerdigung laufen soll. "

"Nun die Nachricht hatte ich schon gehört und wissen Sie was ? Ich bin froh das Jenny es endlich geschafft hat. Jetzt hat sie endlich Ruhe vor... . "

Sie verstummte plötzlich als ihr Mann durch das Gartentor kam. Man sah es ihm an das er vollkommen betrunken war. Er hatte zwar noch einen sicheren Gang aber der Blick verriet mehr.

Er hatte eine Jogginghose und ein vollkommen verdrecktes Achselshirt an. Nun stand er vor mir und sah mich mit böser Miene an.

"Ich bin David Stahnke, der ... " fing ich an.

"Wegen meiner Tochter ? " fragte er zornig.

Ich brachte in diesem Moment kein Wort heraus sondern nickte nur. Seine Miene wurde noch aufgeregter.

"Du raus hier und du gehst sofort rein. Wir werden das gleich besprechen." schrie er wobei die letzten Worte seiner Frau galten.

Mit einer unsanften Methode forderte er mich auf zu gehen. Er schubste mich in Richtung Gartentor. Seine Frau verschwand wie er es sagte im Haus. Irgendwie wiederte der Typ mich an.

"Hey. Paß auf was du machst du Penner. " stauchte ich ihn zusammen.

Er schubste mich nochmal und ich lief automatisch schneller in Richtung Ausgang.

"Was war das ? Raus hier. Sonst knallts. " schrie er.

Wieder schob er mich ein Stück weiter. Normalerweise hätte es sofort geklatscht aber ich sprach eine letzte Warnung aus.

"Alter fass mich nicht an du Wichser."

Er überlegte es sich erstaunlicherweise anders und ging in Richtung Tür. Kurz davor drehte er sich mit erhobener Faust um und schrie mir nach das ich mich hier nicht mehr blicken lassen solle. Dann verschwand er im Haus und knallte die Tür zu.

Kurz darauf hörte ich drinnen einen Frauenschrei und es klatschte wie eine Ohrfeige. Schnell rannte ich zur Tür und trat mit dem Fuß dagegen. Drinnen flehte seine Frau das er aufhören soll. Aber es knallte nochmals. Ich trat nochmal kräftig zu wobei sich die Tür mit einem lauten Knall öffnete. Erschrocken sah er zu mir und stand mit erhobener Hand da. Jennys Mutter blutete aus der Nase und hatte eine aufgeplatzte Lippe. Ich sah zu ihr runter und danach ihn an. Nochmals sah ich zu ihr.

"Geht es einigermaßen ? " fragte ich sie.

Nur mit einem Nicken antwortete sie. Zwar vorsichtig aber er schien nicht ganz so doll getroffen zu haben wie es aussah. Langsam drehte ich den Kopf zu ihm zurück. Innerlich brodelte ein Vulkan in mir und es war nun an der Zeit das er ausbrach. Er starrte mich an als ob ich irgendwie ein Monster wäre.

"Warum suchst du Schlappschwanz dir nicht ein gleichstarkes Opfer ? Komm schon, Arschloch. Einen Schlag hast du frei. " sagte ich langsam.

Er kam auf mich zu und gab mir eine Schelle mit der flachen Hand. Das war zwar eine ganz billige Art, die ich persönlich nicht so genutzt hätte, aber er hatte es ja so gewollt.

"Das war ein Fehler. Ich sagte eigentlich das du mich nicht anfassen sollst, oder irre ich mich ? "

Ohne eine weitere Vorwarnung bekam er meine rechte Faust mitten ins Gesicht. Er verlor die Bodenhaftung und segelte nach links in die kleine Küche wo er im Fallen die Tischdecke mitnahm. Ich sah zu Jennys Mutter hinunter die völlig verstört auf dem Fußboden hockte.

"Sie sollten sich ein paar Sachen zusammenpacken wenn sie das hier beenden wollen. " riet ich ihr.

Als ob sie schon ihr Leben lang auf diesen Moment gewartet hatte setzte sie sich in Bewegung. Das verlief schneller als ich dachte das sie aufstand und die Treppe nach oben ging.

In der Küche hörte ich ein Stöhnen und dann ein metallisches Klirren. Langsam wie ein Zombie kam er mit einem Messer auf mich zu. Er hatte eine gewaltige Beule im Gesicht die schon blau anlief. Wild um sich schlagend traf er mich auch mit dem Messer als ich einen Schritt zu langsam war. Ich hörte den Stoff meines Shirts reißen und ein plötzlicher brennender Schmerz setzte kurz darauf ein. Der Kerl hörte nicht auf wie ein Wilder das Messer zu schwingen.

Ich stand auf der Türschwelle und wußte nur noch einen Ausweg. Mit voller Wucht trat ich ihm in den Unterlaib. Das Messer ließ er sofort fallen und beugte sich mit den Händen am Gemächt nach unten. Jetzt brannte mir mal richtig die Sicherung durch. Links, rechts, links, rechts. Ich prügelte abwechselnd mit beiden Fäusten auf ihn ein. Es war mir egal was ich traf. Die Hauptsache war das er es war. Ich war vollkommen im Blutrausch.

Mit einem kraftvollem Ruck riss ich ihm das Shirt auf und warf ihn damit in den Vorgarten. Schnell machte ich meinen Gürtel locker und legte ihn doppelt. Er lag auf dem Bauch vor mir und ich machte meinem ganzen Hass auf diese Wichser Luft. Mit einem weiten Ausholen ließ ich den Gürtel auf seinen nackten Rücken niederschnellen. Ein lauter Schrei ertönte und mischte sich mit dem Klatschen des Leders auf seiner Haut.

"Wie macht Vati wenn er nach Hause kommt ? " verhöhnte ich ihn.

Und wieder ließ ich den Gürtel auf ihn niederprasseln. Nach drei weiteren Hieben sah ich am Gartenzaun eine Nachbarin stehen die zuerst erschrocken zusah. Dann grinste sie und zeigte einen Daumen nach oben. Ich konnte trotz meiner Wut das Grinsen erwiedern. Sie ging wieder zurück und ich sah wieder zu ihm hinab. Mehrere rote Striemen hatte er bereits auf dem Rücken. Meinen Schmerz durch den Schnitt hatte ich völlig vergessen. Ich sah nur noch ihn vor mir und wollte ihm so viele Schmerzen wie möglich zufügen.

"Was ? Du warst böse zu Vati ? "

Der nächste Hieb erging über ihn. Danach hatte ich genug. Ich legte den Gürtel wieder an und drehte mich zur Tür. Jennys Mutter stand stumm da und schaute auf ihren Mann. Nur Gott allein weiß wie lange sie dort schon stand. Sie setzte sich in Bewegung und ging eiskalt ohne auf ihn zu sehen an ihm vorbei. Am Tor stellte sie die beiden Reisetaschen ab und drehte sich nochmal um. Mit zielsicheren Schritten ging sie auf ihn zu. Aus seiner Hosentasche zog sie die Geldbörse und öffnete sie.

"Soweit ich weiß verdiene ich hier das Geld. " sagte sie ohne zu wissen ob er überhaupt etwas verstand.

Mit schnellen Griffen zog sie das Geld und eine EC Karte heraus. Sie steckte es ein und warf ihm den Rest vor den Kopf wie man einem Hund ein Stück Fleisch hinschmeißt. Dann drehte sie sich weg von ihm und wollte gehen. Als ob ihr gerade die Idee kam machte sie nochmal kehrt und hockte sich vor ihm hin.

"Und zum Rest sag ich nur das ich es wie meine Tochter mache. Ich verzieh mich. " sagte sie sehr deutlich.

Auch ich hatte nicht die geringste Ahnung ob er etwas mitbekam aber ich fand ihren Auftritt sehr stark. Schnell stand sie auf und sah mich an.

"Los. Fahren wir. Ich kann das hier nicht mehr sehen. " sagte sie und ging zum Gartentor hinaus.

Ich folgte ihr und sah nicht einmal zu ihm zurück. Der Typ würde erstmal mit sich selber beschäftigt sein wenn er wieder aufwachte. Jennys Mutter stand bereits mit den Taschen am Kofferraum und wartete ungeduldig. Mit einem Knopfdruck entriegelte ich das Schloß und die Klappe öffnete sich. Ich öffnete ihr bereits die Tür damit sie einsteigen konnte. Mit Schwung warf sie das Gepäck rein und ging auf die Beifahrertür zu als die Nachbarin plötzlich angerannt kam. Sie hielt etwas in der Hand.

"Frau Delang ? Warten sie kurz. " rief sie.

Jennys Mutter drehte sich schnell um und ihre Haare schlugen mir dabei ins Gesicht. Sogar ihr Haar roch wie das von Jenny. Hätte ich sie nicht sterben sehen dann hätte ich gedacht das sie vor mir steht. Im meinem Herzen hatte ich ein unwohles Gefühl und die ersten Erinnerungen kamen langsam wieder hoch.

"Ich wollte es Ihnen persönlich geben. " verkündete die Nachbarin leise.

Sie gab Jennys Mutter eine Karte in die Hand. Über ihre Schulter hinweg sah ich das es eine Beileidskarte war. Langsam klappte sie sie auf. Im Inneren waren ein paar Zeilen geschrieben, die ich nicht lesen konnte und ehrlich gesagt auch nicht lesen wollte. Desweiteren klemmte an der linken Seite ein fünfzig Euro Schein. Ich sah und ich hörte es sogar das eine große Träne auf die Karte fiel. Sofort traf mich die Erinnerung an die Pizzeria wie ein Blitz. Ein tiefes Stechen in meinem Herzen verursachte Übelkeit. Ich drehte den Kopf weg und sah zu ihrem Mann rüber.

Ich versuchte mich irgendwie zu beruhigen. Irgendwie hatte ich den Wunsch noch etwas auf ihn einzuprügeln aber das würde er eh nicht merken also verdrängte ich den Gedanken schnell wieder. Ich sah in den Himmel hinauf und versuchte mit Zwinkern die Tränen etwas zu kontrollieren die wieder aus meinen Augen kommen wolten. Mit sehr viel Anstrengung schaffte ich es mich einigermaßen zu beruhigen. Mehrmals und unter Schmerzen schluckte ich den Kloß im Hals runter. Jetzt machte sich zum krönenden Abschluß auch noch die Wunde bemerkbar die mich mit einem Brennen ans Vorhandensein erinnerte.

Ich sah auf meinen Brustkorb und zog das zerrissene Shirt etwas auseinander. Es hatte aufgehört zu bluten aber es brannte gerade wie Feuer. Es war mir eigentlich eine willkommene Ablenkung das ich eine kleine Wunde hatte. Nachdem ich mich davon überzeugt hatte das es mir eigentlich doch noch gut geht sah ich wieder zu den beiden Frauen. Jennys Mutter gab gerade den Geldschein in die Hände der Nachbarin zurück.

"Das brauche ich nicht. Ihr Beileid genügt mir. Danke. "

Ihre Stimme klang sehr den Tränen nahe. Dann machte die Nachbarin etwas das ich nicht erwartet hätte. Sie nahm die Hand von Jennys Mutter genau auf die Art und Weise wie ich Jennys an diesem Abend hielt. Dieser Anblick traf mich wie ein Schlag und anders als sonst kam weder das Rauschen in den Ohren noch der Tunnelblick.

"Oh Shit. " waren meine letzten Worte.

Es war eher wie der schnellste schwarze Vorhang den ich jemals sah. Eine kurze Drehung im Kopf und ich fiel um. Nichtmal den Aufschlag auf den Boden bekam ich mit. Keine Ahnung wie lange ich weg war aber als ich wach wurde hockten beide Frauen neben mir. Nur mit Mühe kam ich zurück aus der Dunkelheit die mich umhüllte. Die Stimmen hallten lange nach und ich konnte keinen Satz richtig verstehen. Aber nach einer Weile setzte das Gehör auch wieder ein.

"Alles OK ? " fragte mich Jennys Mutter.

Zuerst brachte ich nicht mehr als ein Nicken zustande. Es war noch alles etwas verschwommen und drehte sich leicht. Die Nachbarin schaute mich eine Weile an.

"Ihnen möcht ich auch danken das sie dem Typen mal gezeigt haben was ne Harke ist. " sagte sie langsam.

Zwar verstand ich es aber ich war noch nicht in der Lage zu antworten. Zustimmend brachte ich ein Hmm heraus. Mehr war in meinem Zustand nicht drin.

"Wer is das eigentlich ? " wollte sie wissen. "Er war der Freund meiner Tochter. " gab Jennys Mutter die Antwort für mich.

Die Nachbarin sah mich wieder an. Langsam hörte ich auf Karussell zu fahren und kam wieder zu Verstand. Ich erwiederte ihren Blick aber wollte eigentlich ihre roten Augen nicht sehen.

"Tut mir leid was Sie durchmachen mußten. Ich bedauere den Verlust zu tiefst. " sagte sie und senkte nach diesem Satz den Kopf.

Eine Geste die mich dazu bewegte mich endlich aufzuraffen und dort zu verschwinden. Leichter gesagt als getan. Meine Knie waren noch immer sehr weich und ich kam einfach nicht hoch. Es war mir verdammt peinlich in meinem Alter nicht aufstehen zu können. Um erstmal überhaupt zu schauen ob ich noch sprechen kann versuchte ich erstmal auf ihren letzten Satz eine Antwort zu finden.

"Ist schon gut. Danke. Ähm. Kann mir vielleicht jemand aufhelfen ?"

Mann war mir das peinlich. Denke das sich das niemand vorstellen kann. Wenigstens waren wir allein auf der Straße. Und vor allen Dingen war hier niemand der mich kannte. Die beiden Frauen hatten reichlich zu tun mich aufzurichten. Vorsichtig stellten sie mich an den Gartenzaun so das ich mich an die aufrechte Haltung gewöhnen konnte. Es dauerte auch nicht allzu lange bis das Zittern endlich verschwand.

Sehr langsam machte ich einen Schritt nach vorn um es auszuprobieren ob es wirklich geht. Ich atmete tief ein und aus. Es war überstanden. Was ich in den letzten Tagen an Schwächeanfällen hatte war langsam aber sicher nicht normal. Meine Gedanken gingen in die Richtung das ich wirklich langsam zu alt wurde.

"Danke. " sagte ich schließlich als ich wieder komplett da war.

Die Nachbarin reichte mir die Hand. Ich nahm sie an und sah ihr ins Gesicht.

"Es sollte mehr Menschen wie sie geben. Dann hätten solche Typen wie der keine Chance mehr. " sagte sie und deutete in die Richtung des noch immer abwesenden Mannes.

Ich brachte ein leichtes Lächeln über die Lippen. Diesmal hatte ich die Koordination zwischen Hirn und Mund unter Kontrolle. Ich dachte nur

"Wenn du meine Vergangenheit kennen würdest dann wärst du anderer Meinung.".

Wir stiegen nach dem Händedruck und einer gegenseitigen Umarmung der Frauen ein. Ich schnallte mich an und sah dabei zu Jennys Mutter. Unsere Blicke trafen sich und sie lächelte etwas verlegen. So viele Punkte waren gleich zwischen ihr und Jenny. Das selbe Lächeln dachte ich mir. Und diese Augen. Sie waren zwar vom Weinen sehr rot aber sie waren identisch mit den Augen die ich seit Tagen vermisste.

"Danke. " sagte sie leise. "Kein Problem. "

Das war alles an Worten die wir für ungefähr fünfzehn Minuten wechselten. Während der Fahrt starrte sie nur in die Leere. Ich sah es im Blickwinkel. Sie weinte nicht aber ihr Blick war stur geradeaus gerichtet. Plötzlich brach sie wieder das Schweigen aber sah mich dabei nicht an.

"Wo bringst du mich hin ? " wollte sie wissen.

"Ins Frauenhaus. Da bist du sicher. Oh. Sorry. Sie natürlich."

Jetzt löste sie den sturen Blick und sah mich von der Seite an. Ein leichtes Grinsen war in ihrem Gesicht zu erkennen.

"Kannst ruhig du sagen."

Und das war es mit dem Reden für die nächsten Minuten wieder. Sie nahm die gleiche Haltung ein wie vorher und starrte wieder stumm durch die Windschutzscheibe. Nach ungefähr zehn Minuten sah sie mich von der Seite an. Ich war zwar auf den Verkehr konzentriert aber ich bemerkte es.

"Kann ich dich mal was fragen ? "

"Natürlich. " antwortete ich ihr.

"Kannst du mir meine Tochter mal beschreiben ? Ich hab sie über vier Jahre nicht gesehen. "

"Wenn du in den Spiegel schaust dann siehst du sie. " antwortete ich ohne zu überlegen ob ich es als Gedanke haben wollte.

Ich sah kurz zu ihr und sie sah mich fragend an. Diese Antwort hatte sie nicht erwartet und ich wollte sie eigentlich auch nicht geben. Schnell kramte ich in meiner Tasche und zog die Passbilder hervor. Ohne ein Wort reichte ich sie rüber und sie sah erst die Fotos an. Dann machte sie genau das was ich nicht erwartet hatte. Sie klappte die Sonnenblende runter und sah sich im Spiegel an.

"Du hast Recht. Darf ich eins davon haben ? " gestand sie schließlich und stellte ihre Frage eher vorsichtig.

Ich konnte nicht wirklich antworten da ich von dem was sie da gerade machte irgendwie beeindruckt war. Ich nickte nur langsam. Mein Kkopf war voll mit Dingen die ich irgendwo loswerden wollte. Im Herzen war ein Druck den ich irgendwie nicht auszuhalten schien. Immerhin hatte ich hier die Mutter eines wundervollen Mädchens neben mir sitzen die meiner Meinung nach berechtigt war die ganze Wahrheit zu erfahren.

Das Warum ihres Todes und wer ich wirklich war. Ich wußte bereits im Vorfeld das es mit aller Warscheinlichkeit hart wird sein Innerstes nach Außen zu tragen aber ich konnte mit der Last nicht umgehen die mich bedrückte.

Sie machte vorsichtig ein Foto ab und gab mir die restlichen drei zurück. Dann streichelte sie über das abgebildete Gesicht und gab dem Foto einen Kuss. Anschließend steckte sie es in ihre linke Hemdtasche.

"Sie ist hübsch geworden. Hm das obwohl sie soviel... " sie stoppte.

"Obwohl was ? " versuchte ich sie zurückzubringen.

"Ach nichts. Hab nur laut gedacht. "

Das kannte ich zu gut. Wenigstens noch jemand der das selbe Problem hatte das mich so oft schon besuchte.

"Hast du vielleicht noch etwas Zeit ? Ich muß dringend eine Menge Dinge loswerden und ich denke das ich es dir als ihre Mutter zuerst sagen sollte. Können wir vielleicht eine Runde spazieren gehen ? "

Jetzt war der große Korken geknallt und ich war soweit das ich sie in Alles was passiert war einweihen konnte. Sie wußte anhand meiner Gestik das es ernster war. Sie sah mich von der Seite an und ich drehte kurz den Kopf nach rechts. Das einzigste was sie tat war ein Nicken mit dem Kopf.

Ich fuhr auf einen Feldweg und stellte das Auto ab. Langsam drehte ich den Zündschlüssel rum. Dann trafen sich unsere Blicke wieder einmal. Ich sah das sie ziemlich unruhig war. Fast hatte ich das Gefühl das ich ihr Herz schlagen hören konnte. Natürlich kann es auch mein Eigenes gewesen sein, da es mir im Moment nicht besser ging.

"Gehen wir ein Stück ? " fragte ich sie.

Nach meiner Frage löste sie den Blickkontakt und öffnete die Tür. Sie stieg aus und blieb vom Auto stehen. Auch ich bewegte mich aus dem Auto. Langsam gingen wir den Feldweg entlang.

"Also als ich Jenny kennenlernte, was gerade mal vor einer Woche war, verteilte ich noch Drogen an die Straßendealer. Ich war eiskalt und gefühllos. " fing ich an.

Ihre Augen wurden größer und sie starrte mich wütend von der Seite an. Ich merkte ihren Blick und er traf mich wie ein Messerhieb. Es schmerzte seltsamerweise. Aber ich hatte auch keine andere Reaktion darauf erwartet. Sie holte bereits Luft.

"Moment. Lass mich bitte erst ausreden. " schlichtete ich bevor sie etwas sagen konnte.

"Gut. Dann mal weiter"

"Ich hab mich vor sechs Jahren darin verlaufen und man kommt da nicht einfach so raus. Es ist schwerer als sie denken. Zuletzt arbeitete ich für einen Drogenbaron aus Neukölln der vollkommen abgehoben ist. Dieser Typ hält sich für den Größten. Ihre Tochter habe ich an einem Abend in der U-Bahn angetroffen. Sie war abhängig aber wollte es ernsthaft beenden. "

Meine Erinnerungen an den Abend kamen wieder in meinen Kopf. Gegen meinen Schmerz ankämpfend versuchte ich mich nicht gehen zu lassen. Zielgerichtet versuchte ich meine Gedanken davon loszubekommen. Ich kämpfte mit den Tränen und verlor den Kampf. Sie bemerkte es und blieb stehen. Von der Seite sah sie mich an und ich versuchte ihrem Blick auszuweichen. Durchdringend starrte sie mich eine ganze Weile an und beobachtete meinen Versuch nicht zu weinen. Kläglich scheiterte ich und schlug die Hände vorm Gesicht zusammen.

"Oh mein Gott. " sagte ich leise und die nie endenden Flüsse der Tränen überkamen mich.

Sie fasste mich am Arm und brachte mich dazu sie anzusehen. In ihren Augen standen auch die Tränen. Sie konnte sich etwas besser kontrollieren als ich aber viel fehlte auch ihr nicht.

"Was ist passiert ? Warst du es ? Sag mir die Wahrheit. "

Ihre Stimme zitterte weinerlich.

"Nein. Ich meine nicht direkt. " antwortete ich schluchzend.

"Was soll das heißen ? Raus damit. Ich will es wissen."

Sie wechselte zu einem eher wütenden Zustand. Ich fühlte mich irgendwie in die Ecke gedrängt aber ich verstand auch ihre Gefühle. Wenn mir vor ein paar Wochen jemand gesagt hätte das ich Gefühle habe und welche verstehe dann hätte ich ihn ausgelacht. Aber so ist nun mal das Leben. Es kann alles von einem auf den anderen Moment anders sein. Dazu braucht es manchmal nicht viel.

"Es war die Rache eines Konkurrenten. Ich hab seinen Neuen Dealer in meiner Übermut vor eine Bahn gestoßen. Es war ein Unfall aber ich war trotzdem schuld daran. Er brachte Jenny um als Rache dafür das ich ihm etwas nahm. Verdammt was für ein Idiot ich bin. Ich fühle mich schuldig für ihren Tod. " erzählte ich mit mehreren Pausen dazwischen da ich noch immer mit dem Weinen beschäftigt war.

"Hör auf damit. Das bringt sie nicht zurück. " versuchte sie mich zu beruhigen obwohl sie selbst nicht mehr ertragen konnte.

Sie versuchte sich zu fangen und ich kann nur sagen das sie dies ein Weiteres mal, im Gegensatz zu mir, schaffte. ...

6.10.09 10:00
 


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