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Einführung.....

Hallo Ihr da draußen !

 

Ich habe hier mal auf Anraten mehrerer Leute mit denen ich in Kontakt getreten bin etwas versucht, was ich schon im Kindesalter angefangen habe.

Irgendwann habe ich begonnen auf einer Schreibmaschine Kurzgeschichten mir manchmal dünnem Inhalt aufs Papier zu bringen. Über die Jahre habe ich immer weiter und immer bessere aber dennoch kurze Geschichten geschrieben. Diese Geschichten waren meißt mit ca 19 Seiten abgeschlossen. Nun ist es soweit das ich mich in der Beschreibung von Handlungen und Dingen soweit verbessert habe ein Meisterwerk hinzulegen. Ich bin heute ( am 25.9.2009) mit dem ersten Kapitel fertig geworden und habe bereits die Handlungen auf über 50 Seiten ausgebaut.

Ich habe vor dieses gesamte Buch hier nach und nach zu veröffentlichen. Natürlich werde ich die Blogs so sortieren das es trotz der Abschnitte noch zusammenhängend zu lesen ist.

Über jede Art von Lob oder Kritik werde ich mich freuen. Wenn ihr mir eine E-Mail schreibt dann kann ich das gesamte Buch nach seiner Fetigstellung auch gern als PDF Datei zusenden.

Gern beantworte ich auch Fragen zu mir, dem Buch oder gebe Tipps falls jemand auch in diese Richtung aktiv werden möchte.

Also keine Scheu mal zu schreiben oder irgendetwas hier zu hinterlassen...

Und nun viel Spaß beim Lesen...

26.9.09 01:20


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Mein Buch PART 1

Fight The Past

Du kannst nicht vor dir selbst fliehen

 

Vorwort

 

Mein Name ist David Stahnke. Bei meinen Freunden war ich eher mit dem Namen Dave bekannt und deshalb werde ich in den folgenden Kapiteln meiner Geschichte diesen Namen nutzen.

Aber was nützen Namen wenn man so wie ich Alles verloren hat. Vor Jahren war der Name Dave noch bekannt, aber er ist wie ein Stern verglüht.

Seit drei Jahren sitze ich nun schon in einem verdammten Loch das sich liebevoll Justizvollzugsanstalt nennt. Wie viele Jahre es noch sein werden habe ich mich auch schon oft gefragt. So etwas kann man schwer sagen wenn man das Urteil Lebenslänglich hört.

Nur der Fakt das es wohl noch eine Verhandlung geben wird hält am Leben. Der weitere Punkt der mich davor bewahrt es zu beenden ist mein Anwalt, der mir Hoffnung macht. Er arbeitet während mir hier nur die Möglichkeit bleibt Tag, Monat und Jahr zu zählen.

Einzig das Gericht weigert sich noch die Verhandlung nochmals zu beginngen, vielleicht aus Angst davor das ich mit meinem Anwalt eine mildere Strafe erziele. Keine Ahnung was die sich da oben denken.

Meine Anklage belief sich auf Handel mit Betäubungsmitteln, dreifachen Mord, mehrfache schwere Körperverletzung, unerlaubter Waffenbesitz, eine Vielzahl von Sachbeschädigungen und abschließend Gefährdung des Straßenverkehrs.

Meine Akte war so groß das sich der Richter dahinter hätte verstecken könen. Aber das schlimmste Übel war wie immer die Presse.

Die Überschriften reichten von "Berlins Bestie gefasst" bis hin zu "Dealen-Prügeln-Töten. Polizei beendet Ein-Mann-Mafia-Karriere"

Keiner erwähnte auch nur mit einer Silbe das ich nach meinem Rachefeldzug, oder meiner Selbstjustiz, wie auch immer man es nennen will, auf die Bullen am Tatort gewartet habe um mich zu stellen.

Na ja. Vielleicht bekommen wir ja in der zweiten Instanz etwas anderes hin als Lebenslang. Auf jeden Fall dürften die drei Jahre die ich jetzt schon hier bin angerechnet werden. Und ich habe mich auch gut geführt, nachdem meine Standpunkte den anderen gegenüber geklärt waren.

Ich sage nur das ich die Seife nicht aufheben mußte !

Da ich hier ja mein bisheriges Leben offenlege fange ich am Besten mit einer Kurzfassung bis zu meinem Aufstieg hin an. Das einzige Problem dabei ist das ich kaum Erinnerungen an meine Kindheit habe. Vielleicht hat es auch damit zu tun das ich sehr oft unter dem Einfluß von Drogen stand. Normalerweise hat man mit 29 Jahren noch nicht soviel Alzheimer.

Aufgewachsen bin ich in einem Heim, wo man zeitig lernt das nur der Stärkste überlebt. Meine Eltern kenne ich nichtmal von Fotos. Mit ungefähr zehn Jahren fing ich schon an zu rauchen und meinen ersten Joint zog ich mir mit dreizehn rein.

Da war der erste Grundstein in den Drogensumpf schon gelegt. Irgendwann fing ich an das Gras was drüber war zu einem teureren Preis als den des Einkaufs beim Dealer zu verkaufen. Ich machte manchmal gute Geschäfte.

Allerdings bekam es die Heimleitung nach zirka drei Jahren dann doch mit und hatte natürlich was dagegen. Ich muß in etwa sechzehn gewesen sein als ich dem Heimleiter im Streit die Nase brach und auf der Stelle rausflog.

Nach mehreren Nächten auf der Straße machte ich mich auf von Chemnitz nach Berlin. Es dauerte zwar eine ganze Weile weil mich keiner mitnehmen wollte aber ich schaffte es trotzdem.

In der Hauptstadt angekommen war ich vollkommen begeistert. Es war eine schillernde Metropole die nicht still stand. Hier gab es alle Kulturen auf einen Haufen und die Drogenszene war auch gut. Ab und zu hatte ich Glück etwas vom Gras teurer loszuwerden und kam irgendwie über die Runden. Alles funktionierte perfekt bis zu meinem ersten Kontakt mit Heroin.

Es war einer der größten Fehler die ich je begangen hatte. Ich war vollkommen außer Kontrolle und es machte mich unbewußt kaputt. Stundenlang war ich nur auf der Suche danach Kohle für den nächsten Schuß zu bekommen. Mehr als einmal mußte ich den bitteren Geschmack eines Absturzes kosten. Aber ich konnte nicht aufhören.

Das seltsame war das mir ein Dealer die Augen öffnete. Es fing mit ihm so an das er mir nichts mehr verkaufen wollte und das zu einem Zeitpunkt als es niemanden mehr gab wo ich etwas herbekommen hätte. Am nächsten Tag schleppte er mich in eine Klinik. Ich bekam es überhaupt nicht richtig mit, da ich genug mit den Entzugserscheinungen zu tun hatte. Als ich einigermaßen zu Sinnen kam erkannte ich das ich in einer Entzugsklinik gelandet war. Hier wurde ich mit anderen Medikamenten behandelt, damit mich das fehlende Heroin nicht vollkommen zerstört.

Der Dealer besuchte mich während meinem Entzug nur einmal. Danach sah ich ihn nie wieder. Heute weiß ich warum er nicht wiederkam und ich bereue es das ich ihm nicht für seinen Schritt gedankt habe. Sein Mut mich zu drehen hat ihn das Leben gekostet und ich denke das er die Gefahr kannte. Bewußt hatte er mich als seinen Kunden abgelehnt. Nach meiner Erfahrung im Geschäft ist es das schlimmste was ein Dealer tun kann.

Ich durchlebte zwei Jahre harte Tiefen und wenige Höhen. Es ging mit mir zu wie in einer Achterbahn. Aber ich schaffte es mit starkem Willen die Sucht nach Heroin loszuwerden und endlich clean zu werden. Ich schaffte sogar das Rauchen aufzugeben. Na ja. Angefangen hab ich es trotzdem wieder aber ich nahm keine Drogen mehr. Ab und zu noch ein Bier aber keine anderen Rauschgifte mehr.

Als sauberer Mensch hatte ich aber keinen anderen Blödsinn im Kopf als mich den Drogen gegenüberzustellen. Wenn man es so bezeichnen möchte ließ ich den King raushängen und kam über mehrere Kontakte an einen Dealer namens Mohammed. Ich arbeitete nach etwas Überzeugungsarbeit für ihn.

Ich machte mit diesem Schritt eigentlich schon wieder einen Fehler aber das war mir in dem Moment egal. Nur um Geld zu verdienen und um mir selbst etwas zu beweisen vertickte ich das Zeug. Gegen das Zeug anzukämpfen wenn man es in der Hand hielt. Das Gefühl stärker zu sein und "Nein" zu sagen war es was mich unter anderem dazu brachte.

Mohammed zahlte verdammt gut wenn man keine Fragen stellte sondern einfach nur überzeugend arbeitete. Und das tat ich.

Mit 20 Jahren war ich aufgestiegen zu Mohammeds rechter Hand. Ich lieferte das Zeug an seine Straßendealer aus und strich die Tageseinnahmen ein. Es war wie ein Traum den ich in diesen Jahren durchlebte. Ich konnte mir ein Leben wie ein Rentner oder Lottogewinner leisten. Meine Wohnung war riesig, fast schon ein halbes Haus. Mein Schrank war mit den feinsten Klamotten gefüllt und ich hatte einen getunten BMW M3 als sogenanntes Dienstauto. Die Kiste hatte allen möglichen überflüssigen Kram eingebaut um damit protzen zu können. Ich war stolz auf dieses Auto.

Der Vorteil an dem allen lag dann jeden Abend aufs neue in meinem Bett. Frauen. Mein Gott hatte ich Frauen. Manche waren wunderschön und ich wechselte sie trotzdem wie meine Unterhosen. Jetzt würde mir in diesem verdammten Loch hier eine reichen, ich meine das man das nach drei Jahren ohne Sex sagen kann. Ich vermisse es neben einer Frau aufzuwachen. Hier wachst du auf und sagst der Wand zuerst

"Guten Morgen, du siehst ja wieder fantastisch aus."

Wäre ich alleine auf der Zelle dann würde ich warscheinlich Selbstgespräche führen, aber ich habe einen Insassen mit hier drin. Er ist ganz ok und er hat mir auch schon ein paar Mal den Rücken frei gehalten als mir einer zu nahe kommen wollte. Er ist auch einer der wenigen die nicht versucht haben mich zum Sex zu überreden. Liegt vielleicht auch daran das er noch nicht so lange hier drin ist und nur eine Geldstrafe absitzt. Nun gut. Dann mal wieder zu mir zurück.

Ich zog meine Schiene ein paar Jahre so durch. Und ausgerechnet vor meiner Inhaftierung wurde ich im Bezug auf Frauen auch ruhiger. Nun irgendwann ist der Spieltrieb wohl auch mal vorbei. Sechs Jahre lang tobte ich mich aus aber ich lernte dann auch mal jemanden zu lieben. Ja man glaubt es kaum. Es entwickelten sich irgendwann dann doch mal Gefühle wie Zuneigung und das Bedürfniss nach Nähe. Aber auf dieses Thema gehe ich im späteren Verlauf noch intensiver ein.

Das eigentliche Übel fing im Spätsommer 2006 an. Das war die Zeit in der ich ziemlich schnell begreifen mußte das man tiefer fällt je höher man steht. In diesem verdammten Sommer verlor ich die Kontrolle über mein Handeln erneut. Es lief Alles aus den Rudern was voher immer funktionierte.

Heute bereue ich das ich nicht die Augen aufbekommen habe bevor es zu spät war. Ohne meine beschissene Blindheit wäre anderen Personen und mir eine Menge Leid erspart geblieben. Ein einziger Tag war es der meinen Untergang so gut wie besiegelte. Der Rest der ganzen Scheiße die ich gebaut habe waren Folgefehler aus diesem einen.

Muß das erste Kapitel dann wohl doch eher morgen beginnen weil in diesem Laden hier die Lichter um 22 Uhr ausgemacht werden und ohne Licht schreibt es sich schlecht.....

25.9.09 12:39


Mein Buch PART 2

1. KAPITEL

Es war warm in diesen Tagen. Die Hauptstadt kochte förmlich und tagsüber hielt man es selbst im Schatten kaum aus. Aus diesem Grund konnte ich mich nur Abends draußen bewegen. War mir auch lieber da ich am Tage mehr Gefahr lief von den Bullen erwischt zu werden.

Mohammed, der eigentlich bei allen Dealern als Mo bekannt war, schickte mich wieder los um die Tageseinnahmen seiner Jungs abzuholen. So klapperte ich alle unsere Stationen ab. Meist wurde an U-Bahnhöfen gedealt. Unsere Zuständigkeit bezog sich mehr auf Berlins Mitte. Meine letzte und schlimmste Station an diesem Abend war der Halt an der Weinmeisterstraße. Die lag an der Linie U8 und war von Kevin besetzt.

Meist war unser Schützling leicht zu finden. Er stand normalerweise immer in der Nähe der Treppe und wartete auf mich. Normalerweise war es mit ihm am unkompliziertesten aber er hatte sich in letzter Zeit zuviel Fehler erlaubt, was mich in einen Gewissenskonflikt manövrierte. Eigentlich konnte ich den Jungen gut leiden, aber ich sollte ihm in Mo´s Auftrag einen Denkzettel verpassen.

Das geschah meist mit ein paar Schlägen oder Knochenbrüchen. Gott sei Dank blieben solche Jobs von mir fern, aber nun nicht. Der Boss sagte mir ich soll es tun und das macht man dann auch besser, wenn einem das eigene Leben am Herzen liegt. Und das war bei mir der Fall.

Irgendwie verstand ich Kevin etwas. Mit 16 Jahren ist man eigentlich nicht soweit in der Liga der Großen mitzuspielen. Der Kleine hatte ja keine Ahnung was er da machte. Er schien mich zu beneiden und wollte es soweit wie ich schaffen. Klar das das in die Hosen geht. Unsere Erfahrungen waren Welten auseinander. Mein Auftrag war von ihm mindestens 250 Euro zu holen. Wenn das nicht stimmte dann würde es ernst werden.

Ich suchte ihn am üblichen Platz und fand ihn da nicht. Als ich ein Stück die Treppe hinunter ging sah ich ihn auf der Bank sitzen. Ich pfiff einmal nach ihm. Vollkommen in Gedanken versunken bekam er mich nicht mit und blieb sitzen. Genervt verdrehte ich die Augen. Mann ich wollte nach Hause und dieser Penner kriegt nichts mit dachte ich mir.

"Kev !" schallte meine Stimme durch den Tunnel.

Erschrocken sprang er auf und sah zuerst in die falsche Richtung.

"Mann hier her. Bist du bekifft oder was ?" schrie ich ihm zu.

Dann kam er endlich zu mir. Er hatte die Hände in den Hosentaschen und sah auf den Boden beim Laufen. Kevin war um einiges kleiner als ich und hatte kurze schwarze Haare. Er fühlte sich eigentlich immer als der Größte und das obwohl er manchen Typen un dem Geschäft nicht zu zehn Prozent das Wasser reichen konnte. Er hatte einen schlechten Umsatz und verarschte obendrein seine Kundschaft.

Nicht nur einmal war er in eine Schlägerei verwickelt und ich hab ihm mehrmals den Arsch retten müssen weil er es allein nicht schaffte. Nun stand er vor mir und sah mich irgendwie angsterfüllt an.

"Hey Dave. Na alles klar ?" fragte er leise.

"Aber sicher doch. Lass rüberwachsen. Keine Lust aufn Schwätzchen. Hab noch mehr zu tun." antwortete ich ihm.

Ich sagte ihm natürlich nicht das ich eigentlich nach Hause wollte und er der letzte aufm Weg dahin ist. Dann nahm er die Hände aus den Taschen und griff in seine untere Seitentasche. Als er die Hand rauszog sah ich jedenfalls ein Bündel an Geld. Er gab mir dieses Bündel in die Hand und ich klappte es auf.

In meiner Hand befanden sich alles nur zehn Euro Scheine. Frustriert sah ich zu ihm rüber. Er wußte das ich langes zählen nicht leiden kann. Ganz besonders nicht wenn ich es eilig habe. Dies erklärte mit für den Moment schonmal seinen Blick als er mich sah.

"Sag mal was soll denn der Scheiß ? Kannst du das nicht wechseln ?"

"Kuck doch mal. Hat jetzt noch was offen hier wo man wechseln kann ? Ging nun mal nicht anders. Hauptsache Kohle."

"Na das werden wir ja sehen obs reicht !" antwortete ich ihm.

Er schluckte und ich hatte den Verdacht das es nicht reicht. Aber ich zählte trotzdem nach. Bei 170 merkte ich das es nicht reichte da nur noch drei Scheine übrig waren. Er war also unter den Anforderungen geblieben und das um 50 Euro.

"Mehr nicht ? Gehts noch ?"

" Ich ..." fing er an zu stottern.

"Mo hat dich gewarnt. Er hat dich verdammt nochmal gewarnt." schrie ich ihn an.

Dann kam der Moment für den ich mich noch heute hasse. Mit meiner geschlossenen Faust schlug ich ihm in den Magen. Vor Schmerzen ging er mit dem Oberkörper nach unten. Leider war das noch nicht alles was ich tun mußte. Ich sollte ihm einen Denkzettel verpassen also griff ich nach seiner Hand.

"Nein !" flehte er weil er wußte was los war.

Ich starrte stumm an die Wand um seinen Blick nicht zu sehen. Das Flehen reichte mir schon aus um mich so richtig mies zu fühlen. Langsam tastete ich mich zu seiner Hand durch und weiter zum Mittelfinger. Als ich ihn hatte bog ich ihn weit zurück. Ich spürte das Brechen des Fingers aber hörte nur Kevins schmerzerfüllten Schrei der durch den Bahnhof fuhr.

Er hallte lange nach. Kevin fiel auf die Knie als ich die Hand losließ. So hockte er nun da und hielt seine Hand. Ich kannte die Schmerzen zu gut. Auch ich hatte schon Knochenbrüche auf ähnliche Art erlebt. Meist aber auch nicht, da mich die vorherigen Schläge mehr beschäftigten.

"Scheiße, Scheiße." weinte er immer wieder.

Mein Gott wie ich diesen Moment verfluchte, aber ich mußte es tun um nicht selbst als Opfer zu enden. Wenn man in den Kreisen einen Fehler macht kann es der letzte sein den man im Leben begeht. Ich wußte nicht genau ob er es verstehen würde aber ich sagte ihm im gehen noch das er nächstes Mal besser die vereinbarte Summe haben solle. Dann mußte ich so schnell wie möglich raus da.

Auf der Straße angekommen mußte ich mich übergeben. Ich hörte im Ohr immer wieder sein flehen das ich es nicht tun soll. Der Schrei hallte jetzt nicht mehr in dem Bahnhof aber dafür in meinen Ohren. Ich schwitzte und mit der nächsten Sekunde wurde mir kalt. Es war fast wie im Entzug. Meine Hände zitterten und ich hatte weiche Knie. Nochmals würgte ich reine Galle hoch. Ich schloß die Augen und versuchte mich wieder zu fangen. Noch immer schallte sein Schrei durch meinen Kopf bis zu dem Moment als ein Penner der von hinten leise an mich rangetreten war mich unterbrach.

"Na Dicker. Mußt du nich so viel saufen wenn du nix verträgst." lallte er.

Erschrocken drehte ich mich zu ihm um. Ich hätte bei dem Gesicht fast nochmal gekotzt. Schmal, faltig und mit zwei sichtbaren Schneidezähnen. Ob da noch mehr Zähne waren konnte und wollte ich nicht beurteilen.

"Wer hat dich denn gefragt. Verzieh dich oder ich haue dir die zwei Zähne auch noch weg." drohte ich ihm.

Erstaunlicherweise verstand er es. In den Nachthimmel starrend atmete ich nochmal ganz tief durch und setzte mich vorsichtig in Bewegung. Wie ein Zombie bewegte ich mich zu meinem Auto, nur mit dem Unterschied das ich eigentlich noch lebte. Unterwegs sah ich mich ab und zu um ob mir jemand folgte. Entweder wegen dem was im Bahnhof passiert war oder ein Penner der seinen Freund schützen will.

Ich bemerkte nichts aber drehte mich vorsichtshalber am Auto nochmals um. Das war dann ein weiterer Fehler, der mir aber nur einen Schrecken einjagte. Als ich mich meinem Auto zuwenden wollte war plötzlich ein anderes zahnloses Gesicht vor meinen Augen. Er fackelte nicht lange und packte mich mit festem Griff am Arm. Leider konnte er weder den Griff lange so fest halten noch konnte der Typ grade stehen. Er wankte vor und zurück.

"Du hast grade meinen Kumpel gedroht. Ich zeig dir jetz die Gesetze der Straße." brubbelte er vor sich hin.

Mann der Typ konnte kaum stehen aber wollte mich anpissen. Um so ernst wie möglich rüberzukommen mußte ich ganz kräftig das Lachen unterdrücken. Das war ziemlich schwer da der Kerl einfach nur eine Witzfigur darstellte. Zerfetzte Klamotten, eine Fahne wie der Reichstag und keinen Plan wo er sich gerade befand. Ich hatte sogar Bedenken das er überhaupt wußte wer er war. Geschweige denn wen er grade vor sich hatte.

"Als erstes nimmst du die Flosse von mir." sagte ich so ernst wie möglich und schüttelte seinen Arm ab.

"Und jetzt verzieh dich sonst schlag ich dir die hohle Birne ein."

Er schien mich nichtmal zu verstehen. Also ich hab ja auch einiges an Alkohol vernichtet aber so schlimm war ich noch nicht. Anhand seiner Fahne schloß ich auf Bier, Korn, Goldbrand und einen leichten Hauch von Kotze. Kann mich mit letzterem auch getäuscht haben weil ich vorher auch rückwärts gegessen hatte. Aber es würde sehr gut zu ihm passen. Saufen, Kotzen, Weitersaufen und so weiter.

Aber anstatt mich in Ruhe zu lassen kam er einen Schritt näher und wedelte mir die selben Worte nochmals ins Gesicht. Mir wurde übel von seinem Mundgeruch.

"Ich hab kein Alzheimer !" schrie ich nach seiner Wiederholung.

"Jetz hau ich dir eine vors Maul." bekam ich als Antwort von ihm.

Er schob mich mit einem Ruck auf mein Auto zu. Unsanft knallte ich gegen meine Tür.

"Jetzt reichts !" brüllte ich.

In der Vorwärtsbewegung vom Auto aus bekam er meine Faust zu spüren. Da hatte ich kein schlechtes Gewissen. Er wollte es nicht anders. Hart traf ich sein Nasenbein. Der Schmerz setzte erst ein bißchen spät ein aber der Winkel war sehr bescheiden so das ich mich bei der Aktion selbst verletzte. Gott sei Dank brauch ich mir die Hand nicht dabei. Mit einem lauten Stöhnen klatschte er auf den Asphalt.

"Mann ich will doch nur nach Hause. Ist das denn zuviel verlangt ? Ich hab wenigstens eins, Wichser."

Wie ich erwartet hatte kam von ihm kein Kommentar mehr. Ich stieg ins Auto und machte mich endlich auf den Heimweg. Laut sprang mein Auto an. Ich ließ beide Fenster runter und drehte die Anlage auf.

Selbst um diese Uhrzeit war in dieser Metropole was los. Die Gehwege waren an einigen Stellen überfüllt und alles was sich tagsüber nicht auf die Straße traute kam jetzt aus dem Loch. Gangs die sich die Herrschaft auf der Straße erkämpften. Also für mich waren das nur pubertierende Wichser die einfach nur cool sein wollten. Nicht einer legte sich mit mir an, da sie mich alle kannten, wie Anfangs gesagt war der Name Dave hier einer der Großen, so das sich niemand der bei Verstand war traute mich anzupissen.

Mal abgesehen von dem ganzen Dreck der sich in den Gossen rumsielte war für mich die schönste Augenweide die Szene der Streetracer. Davon gab es hier reichlich die mit ihren schillernden Wagen und greller Unterbodenbeleuchtung jede Nacht die Straßen zu ihrem Spielplatz machten. Auf zwei bis drei Spuren tobten sich PS Boliden von Audi bis Volkswagen aus. Auch viele japanische Importwagen sah man nachts.

Ab und zu ließ ich mich auch mal dazu verleiten den ein oder anderen Fahrer platt zu machen. Es war zum einen mit meinem Auto eine Leichtigkeit und zum anderen liebte ich die Überlegenheit. Den Kick den der Speed auslöste war unbeschreiblich. Es fliegt einfach alles an dir vorbei und du weißt das du ein Sieger bist. Meißt stoppte ich die Großmäuler schon mit dem Einlegen des dritten Gangs. Und wie es der Zufall wollte wurde ich für den Streß des Abends sogar noch mir einer Ablenkung belohnt und das obwohl ich es nicht verdient hatte.

An einer roten Ampel blieb ich stehen, auch nur weil es mich geblitzt hätte wenn ich durchgefahren wäre. Sonst interessieren mich rote Ampeln um diese Zeit einen feuchten Dreck. Direkt neben mir hielt plötzlich ein strahlend weißer Honda Civic. Die Scheiben waren komplett schwarz verspiegelt und unter dem Auto leuchtete grelles blaues Neonlicht. Jeder Bulle hätte das Auto auf den Kopf gestellt und sich alle ABE´s zeigen lassen um es dann doch stillzulegen. Allein die Scheiben waren ein guter Grund dazu. Die Scheiben waren so dunkel das man nichtmal den Schatten des Fahrers sehen konnte. Der Civic ließ den Motor aufheulen. Der Turbo pfiff mit jedem Druck aufs Pedal.

Als Fan solcher Boliden wußte ich nur zu gut das dieses Geschoß mächtig Power unter der Haube hatte. Irgendwie wollte ich es trotzdem wissen. Ich schaltete mein Neonlicht an, was ich mir für diese Zwecke einbauen lassen hatte. Passend zum mattschwarzen Lack hatte ich ein grelles Rot verbaut. Ich stellte mir den Sitz besser ein und spielte auch etwas mit dem Gas. Ich ließ den Drehzahlmesser bis auf 5000 Umdrehungen hoch und wieder runter. Dann kam die Überraschung.

Das Fenster des Civics senkte sich und ich sah eine junge Frau am Steuer die vielleicht gerade mal um die 20 Jahre alt war. Sie hatte ein schwarzes Top an und lächelte mich an. Ich glaubte das ich träume. So ein hübsches Mädchen hatte ich schon länger nicht gesehen. Sie hatte lange blonde Haare die sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Sie war ziemlich braungebrannt. Alles in Allem machte mir der Oberkörper den ich da sah Lust den Rest auch noch zu sehen.

"Das is aber unfair" rief ich ihr zu

"Hast doch eh keine Chance, Mann" lachte sie.

Dann griff die nach unten und holte zu meinem Erstaunen einen fünfziger hoch. Sie wedelte damit hin und her.

"Bis zur Tanke sinds ca 2 km. Wer zuerst da ist"

Ich war jetzt mal so richtig fertig. Nichtmal das mein Mund offen stand bekam ich mit.

"Du kannst den Mund auch zumachen, oder haste noch nie soviel Geld gesehen ?" sagte sie.

Diesen Mut brachten bisher nur wenige auf und erst recht noch keine Frau. Sie schien von sich und ihrem Auto sehr überzeugt zu sein. Natürlich wollte ich es wissen. Ich nahm die Wette an und zeigte ihr das ich auch den Wetteinsatz liefern konnte.

"Bei Grün gehts los. Soll ich dann schonmal nen Kaffee bestellen bis du ankommst ?" lachte ich.

"Denke das können wir lassen. Der is ja schon kalt eh du da bist." kam sofort die Antwort.

Mit immer wieder aufheulenden Motoren standen wir nun an der roten Ampel. Ich war angespannt wie bei jedem Rennen das ich fuhr. Langsam drehte ich den Kopf nach links um nochmal einen Blick von ihr zu erhaschen. Sie saß lässig am Steuer und strich sich eine blonde Sträne aus dem Gesicht. In ihrem Gesicht entdeckte ich in der kurzen Zeit die ich sie ansah ein leichtes lächeln. Ja sie war sich siegessicher.

Ich wollte ihr unbedingt diese Sicherheit nehmen, so wie jedem anderen vor ihr. Die Ampel schaltete auf grün. Kupplung und der 1. Gang waren schnell eingelegt. Ich trat das Pedal durch und der Anzug des BMWs preßte mich in den Sitz.

Bei 5000 Umdrehungen trat ich die Kupplung durch und blieb etwas auf dem Gas beim einlegen des 2. Gangs. Als ich die Kupplung losließ ruckte das Auto kräftig und mit einem quitschenden Reifen nach vorn. Wieder das selbe Spiel und der 3. Gang war drin. Wie immer war ich vorn und fühlte mich sicher. Mein Tacho stand bei ca 120 und ich führte um fast die komplette Wagenlänge.

Das Mädchen schaltete zu früh und gab dazwischen kein Gas. So wird das nie was mit dir, dachte ich jedenfalls.

"Leicht verdiente Kohle. Von wegen keine Chance" lachte ich.

Dann kam der Schrecken mit einem lauten Hupen. Der Honda blendete zweimal auf und zog mit einer unnormalen Geschwindigkeit an mir vorbei. Ich schätzte es mit ungefähr 160 km/h ein. Ich dachte ich träume als sie mich ohne Probleme stehen ließ.

Als sie den nächsten Gang einlegte und wieder Gas gab schoßen Flammen aus der Duplex Auspuffanlage. Oh ja. Die Kiste hatte Feuer, aber ich wurde das erste Mal geschlagen. Und das zur Krönung noch von einer Frau.

"Scheiße" fluchte ich laut.

Eigentlich war es ja sinnlos da eh keiner da war. Und alles Fluchen der Welt nutzte jetzt nichts da ich verloren hatte. Sie hatte mich geschlagen und das ganz eiskalt.

Sie bog rechts in die Tankstelle ab und stellte sich rückwärts in die Lücke neben dem Staubsauger. Ich fuhr etwas später rein, ist ja auch normal wenn man der Loser ist. Genau neben an parkte ich ein. Im Rückspiegel sah ich nochmehr funkelnde Karossen an der Tanke stehen. Langsam setzte sich die Gruppe in Bewegung sie kamen in unsere Richtung. Ich stieg aus und sah zu ihr rüber. Sie hatte ein breites Grinsen auf dem Gesicht.

"Das war wohl nichts, oder ?" lachte sie.

"Was zum Geier hast du mit der Kiste gemacht ? Ist ja nicht normal"

"Erstmal kommst du jetzt hier her und rückst den Gewinn raus" antwortete sie schnell.

Die Kleine verstand was von der Szene. Kleine weil sie nicht besonders groß war. Dafür aber wunderschön. Ich ging langsam zu ihr und zog mein Geld aus der Tasche. Ich hielt ihr den doppelten Gewinn hin und sie machte einen überraschten Blick. Ich nahm kurzentschlossen ihre Hand und legte ihr das Geld einfach hinein.

"Hier. Da du die erste Frau warst die es geschafft hat mich fertig zu machen gebe ich dir den doppelten Gewinn. Bis jetzt hat mich noch niemand so abserviert. Und erst recht kein Mädel" sagte ich zu ihr.

Sie hatte den Mund offen stehen und starrte mich an.

"Hey Mund zu. Und nach stieren kommt Wahnsinn !"

Wie aus einer Trance erwacht schüttelte sie leicht den Kopf und machte dann den Mund zu. Hätten bloß noch die Speichelfäden in den Mundwinkeln gefehlt und ich hätte sie als irre abgestempelt.

"Scheiße Mann. Komm. Ich geb dir nen Kaffee aus." sagte sie nach einer ganzen Weile.

Langsam kam der Rest der Truppe zu uns rüber.

"Vergiss es mal ganz schnell. Wenn ein Kaffee dann geb ich den aus. Du steckst die Kohle jetzt weg." antwortete ich

"Mußt ja ganz schön fertig sein."

"Kann man so sagen. Ich bin fertig. Ja. Vollkommen."

Sie grinste. Aber es kam mir irgendwie so vor als ob sie sowas öfter machte. Ich sah in ihre Augen und dachte das ich irgendwie gleich die Keule rausholen würde und sie wie ein Höhlenmann nach Hause schleppe.

"Ich bin übrigens Dave." fing ich an und streckte ihr die Hand entgegen.

Sie reichte mir ihre Hand. Warm und feucht vor Schweiß war sie. Entweder war sie von der Fahrt noch mitgenommen oder es lag daran das ich sie nervös machte. Vielleicht entstand in dieser Situation gerade etwas.

"Hi Sandra. Wer ist dein Neuer ?" kam eine Stimme von der linken Seite.

Ich drehte den Kopf von ihr weg und ließ ihre Hand los. Die Gruppe war nun bei uns angekommen und ich sah angespannt in die Runde. Hier in Berlin war ich immer darauf vorbereitet das mir irgendjemand ein paar vors Maul geben will. Das hat mich schon manchmal vor schlimmen Wunden bewahrt, ob Messer oder andere Gegenstände. Es hat noch keiner geschafft mich zu überraschen. Klar ist es nicht unbedingt die feine Art bei Leuten die man gerade kennenlernt vom schlimmsten auszugehen aber ich habe nur so gelernt zu überleben. Deshalb hatte ich nie ein Problem damit in die dunklen Nebenstraßen zu gehen.

"Ich bin nicht ihr Neuer." sagte ich nach kurzer Pause.

Er sah mich lange an. Sein Gesicht hatte ich irgendwo schonmal gesehen. Er hatte ein Achselshirt an was seine Muskeln sehr betonte. Warscheinlich ein Fitnessfreak. Jedenfalls erweckte er den Eindruck. In meinem Blickwinkel sah ich einen Opel Calibra im Hintergrung stehen. Er war in einem grellen Rotton lackiert mit zwei schwarzen Streifen darauf.

Jetzt dämmerte es langsam bei mir. Das Auto hatte ich schonmal versenkt, wie es in Fachkreisen bezeichnet wurde.

"Sag mal ich hab doch deinen Calibra letzte Woche erst versenkt, oder ?" fragte ich ihn

"Ja leider. Aber jetzt hats dich endlich auch mal erwischt." grinste er und machte einen Schritt auf Sandra zu.

Er legte die Hand auf ihre Schulter und sah dann wieder zu mir.

"Das hat sie schon öfter gemacht. Einfach unschlagbar diese Reisschüssel." erklärte er mir.

Sandra verzog eine Miene und bevor er regieren konnte gab sie ihm einen leichten Stoß in die Rippen. Er lachte laut.

"Red nich so über meinen Liebling. Ich mecker auch nich über deine Rostlaube." beschwerte sie sich lautstark.

Unbeeindruckt und immer noch lachend streckte er mir die Hand entgegen. Sandra stand neben ihrem Auto und streichelte über die Motorhaube.

"Der meint das nich so. Nich zuhören." sagte sie zu ihrem Auto.

Ich sah über die Schulter des Mannes der mir noch immer die Hand entgegenstreckte und fing an zu lachen. Sie sah lächelnd auf und zuckte nur mit den Achseln. Ich sah den Mann vor mir an und nahm endlich seine Hand entgegen bevor er noch einen Krampf bekam. Er hatte einen festen Händedruck und verdrehte im Bezug auf Sandras Anwandlung die Augen.

"Also. Ich bin Domenic. Aber nenn mich lieber Dom, is kürzer. Dann haben wir hier noch Laura mit dem hellblauen Astra da hinten. Jessy ist die Dame da und sie fährt den gelben Focus. Und Sandra hast du ja schon kennengelernt mit ihrer japanischen Taschenrakete."

Ich reichte allen außer Sandra die Hand. Sie war nach Doms Aussage eh damit beschäftigt den Autoflüsterer zu spielen. Ich versuchte schnell die Autos den Leuten gedanklich zuzuordnen und entdeckte dann noch einen Ford Mustang GT. Der wurde mir nicht vorgestellt.

"Ich bin Dave. Und meinen BMW kennst du ja schon so wie er jetzt da steht. Hast ihn ja lange genug von hinten gesehen." sagte ich schließlich mit einem Grinsen um die Vorstellungen abzuschließen.

Sandra fing unerwartet an laut zu lachen. Dom drehte sich um und sah sie fragend an. Er legte den Kopf schief dabei.

"Scheiße. Der war verdammt gut." lachte sie.

Er sagte nichts dazu sondern winkte nur ab. Ich sah nochmal zum Mustang rüber und tippte Dom danach an.

"Sag mal wer fährt denn hier einen Mustang ?"

"Ach das ist Leon. Der will heute nichts mit uns zu tun haben. Er versucht mal wieder die Kassiererin rumzukriegen."

Ich blickte in Richtung Kasse und sah einen jungen Mann. Er lehnte sich übers Süßigkeitenregal und quatschte die Kassiererin zu. Nach meinen Erfahrungen sah es recht erfolgreich aus, da sie sich wenigstens mit ihm unterhielt und von ihrer Gestik her mehr versprechen ließ.

"Jemand ein Bier gefällig ?"

Die Frage schlug ein wie eine Bombe, da alle eins wollten. Ich setzte mich in Bewegung und betrat die Tanke. Zielstrebig ging ich auf den Kühlschrank zu und nahm ein Six-Pack Becks aus ihm.

"Ich würd gerne mal gegen deinen Mustang antreten." sagte ich so beiläufig wie möglich.

Nebenbei machte ich mich in die Richtung der Kasse auf. Leon war verstummt und ich stand nun neben ihm. Er drehte den Kopf mit ernster Miene in meine Richtung und sah mich fast an als ob er mich gleich umbringen wolle.

"Was war das ?" fragte er schließlich.

"Ich biete dir einen hunderter als Gewinn an."

"Mit welchem Auto ? Der BMW ?"

"Nein. Mit Sandras Civic. Und noch ne andere Bedingung."

Ich war unbeeindruckt von seiner coolen Art und das merkte er auch. Warscheinlich war er es nicht gewohnt. Er trank sein Bier weiter und starrte kurz ins Zigarettenregal.

"Also gut. Deine Bedingung ?" fragte er mich schließlich.

"Einmal bis zur Ampel und zurück. Wäre eine Strecke von zirka vier Kilometern."

Er überlegte kurz und drehte sich nochmal um. Dann trank er das Bier aus und sah hinab auf den Tisch. Letztendlich stand er auf.

"In fünf Minuten bin ich da." sagte er endlich.

Ich antwortete nicht mehr sondern machte mich ans bezahlen. Die Kassiererin rechnete es ab und gab mir mein Wechselgeld. Ich ging ohne weiteren Kommentar raus und zu den Leuten die ich gerade kennengelernt habe zurück. Dom drückte ich das Bier in die Hand und ging dann sofort zu Sandra weiter.

"Sandra ?"

Sie stand mir dem Rücken zu mir und drehte sich erschrocken um.

"Ich weiß wir kennen und grade mal ne halbe Stunde wenns hoch kommt." fing ich an.

Mit großen Augen sah sie mich an. Ihr Blick war sowohl überrascht als auch fordernd. Irgendwie brannte es wie ein Feuer in ihnen. Sie wußte ja nicht was ich jetzt von ihr wollte.

"Und ?" fragte sie verlegen.

Sie schaute mich noch immer an. Irgendwie war es ja niedlich wie sie aussah und irgendwie hätte ich am liebsten mit meinem Anliegen noch eine Weile gewartet aber die Zeit hatte ich leider nicht. Leon würde sicher gleich kommen.

"Ich wollte dich fragen ob ich deinen Liebling für vier Kilometer mal leihen darf." sagte ich schließlich zu ihr.

Mit einem mal wich der Blick eher auf verwirrt. Sie verstand mich wohl sowas von falsch oder gar nicht. Um ihr einen kleinen Denkanstoß zu geben deutete ich auf ihr Auto.

"Ach den meinst du. Wozu willst du denn mein Auto haben ?"

"Nun ich hab Leon und seinen Mustang rausgefordert. Und ich denke das der BMW das nicht packen wird."

Sie hörte aufmerksam zu und sah mich an. Nebenbei schien sie zu überlegen ob sie es tut oder nicht. Ich sah es irgendwie in ihrem Blick das sie es wohl tun würde.

"Da muß ich dir allerdings noch was erklären. Der Wagen hat NOS. Ich weiß nicht ob du das kennst."

"Na logisch. Lachgas. Kenn ich und es ist auch kein Wunder das du mit dem Ding so abgezogen bist."

Ihre Antwort darauf war nur ein verschämtes Lächeln und ein Schulterzucken. Im Blickwinkel sah ich das Leon ins Auto einstieg und schon den Motor startete. Ein lautes Dröhnen hallte durch die stille Nacht als seine Maschine ansprang. Die Lichter gingen an und leuchteten grell. Langsam aber mit viel Zwischengas fuhr er auf die Straße raus. Ich öffnete die Tür und setzte mich ans Steuer. Das Erste was ich tat war es den Sitz einzustellen.

Er war ja fast so gemütlich eingestellt das man schlafen konnte. Nachdem das erledigt war stellte ich die Spiegel ein und startete den Motor. Ich gab ein paar mal Gas und sah den Zeiger vom Turbomotor ausschlagen. Es war ein schönes Geräusch. Bis auf den Auspuff lief das Auto sehr ruhig. Mit jedem Druck auf das Pedal pfiff der Turbo markant mit. Ich legte den ersten Gang ein und fuhr zu Leon rüber.

Er stand auf der rechten Fahrbahn und ich stellte mich genau neben ihn. Er sah nicht einmal zu mir sondern konzentrierte sich voll und ganz auf das was ihm bevorstand. Sandra war uns gefolgt und stellte sich zwischen die Autos. Sie sah erst zu mir und nickte, was die Frage bedeuten sollte ob ich bereit bin. Ich nickte zurück und sie machte das gleiche in Leons Richtung. Nachdem von ihm das Zeichen kam das auch er soweit ist kam sie nochmal zu mir. Sie streckte den Kopf durch das Fenster und sah mich an.

"Pass gut auf mein Auto auf. Hab nur das eine."

Ich sah sie an und nickte nur. Dann trat sie zurück auf die Position zwischen den beiden Autos. Sie hob die Arme hoch. Bei diesem Zeichen legte ich noch den Schalter für das Neonlicht um und ließ den Motor ein paar mal kräftig aufheulen. Sie grinste nur und schrie so laut sie konnte das Wort "LOS" als sie ihre Arme senkte.

Es kam mir vor wie mehrere Sekunden obwohl es nicht mal eine war. Ich trat das Gaspedal durch und löste die Kupplung. Der Honda zog sofort mit seiner geballten Kraft nach vorn. Ich wurde in den Sitz gepreßt und spannte alle Muskeln an. In meinem Blickfeld sah ich das der Mustang mit seinem kräftigen Antrieb fast mit der Schauze abhob. Die Geräusche mischten sich aus quitschenden Reifen und brüllenden Motoren. Ich zog den Civic bis auf 6000 Umdrehungen und schaltete dann in den zweiten Gang. Mit einem kurzen quitschen der Räder setzte riß die Kraft des Motors das Auto weiter nach vorn. Der Druck der auf mir lastete war verdammt stark. Bei weitem stärker als bei meinem BMW.

Leon zog noch immer auf gleicher Linie wie ich. Das gleiche Spiel wie mit dem ersten Schalten machte ich mit dem dritten Gang nochmal. Allerdings meldeten sich nun die Reifen nichtmehr. Es war nun an der Zeit die Ampel zu passieren und zu wenden. Leon stellte sich dabei nicht sonderlich clever an. Na ja es ist ja bei dem Gewicht auch kein Wunder das man so ein Schiff nicht in einem Zug wenden kann.

Ich konnte mit dem Leichtgewicht links einscheren und mit Hilfe der Handbremse das Auto in einem Zug wenden. Schnell war der zweite Gang eingelegt und ich trat das Pedal wieder ganz durch. Dann legte ich im roten Bereich des Drehzahlmessers gleich den vierten Gang ein und zündete per Knopf am Lenkrad das Lachgas. Der Honda machte einen gewaltigen Satz nach vorn und ich wurde noch mehr als zuvor in den Sitz gedrückt. Von den am Rand befindlichen Straßenlaternen sah ich nichts mehr außer helle Streifen links und rechts von mir. Der Blick auf den Tacho sagte mir das ich gerade die Marke von 140 km/h erreicht hatte. Nach oben hin wäre noch Einiges mehr offen gewesen aber ich merkte irgendwie das es nicht mehr weit war.

Ich sah kurz in den Spiegel aber außer Lichter in der Entfernung sah ich nichts von Leon. Das war die Sekunde wo mir nur noch der Gedanke kam dem ganzen noch die Krone aufzusetzen. Langsam ging ich vom Gas und rutschte auf dem Sitz in die richtige Position um schnell genug agieren zu können. Dann war alles in ein paar Sekunden erledigt. Wieder nutzte ich die Handbremse und riß das Lenkrad rum um eine neunzig Grad Drehung zu schaffen. Dann brachte ich es wieder in die Mittelstellung und legte mit der rechten Hand den Rückwärtsgang ein. Ich schaffte es so irgendwie rückwärts übers Ziel zu fahren. Zum Abschluß machte ich die selbe Drehung nochmal andersrum und blieb als Sieger stehen.

Leon kam langsam an. Er brauchte sich ja nun keine Mühe mehr geben da er eh verloren hatte. Ich möchte nicht wissen wie er fluchte.

Ich war ja schon schlimm aber ich denke das er auch nicht ohne war. Ich stieg aus und stand in den Nebelschwaden der Reifen. Der Rauch war durch das Neonlicht komplett in blau getaucht. Die Leute jubelten und klatschten alle bis auf Sandra. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und blickte mit finsterer Miene zu mir. Jetzt kam Leon auch an und bog in die Tanke ein. Er blieb an den Zapfsäulen stehen und stieg frustriert aus. Ich setzte mich wieder ins Auto und fuhr zu Sandras Parkplatz zurück. An ihrer Haltung änderte sich nichts. Man konnte es auch verstehen, aber ich versuchte eine Masche die immer funktionierte.

"Hier. Alles noch ganz. Keine Kratzer, Beulen und der Sitz is auch noch trocken. " sagte ich trocken.

Einige Sekunden dauerte es bevor sie Luft holte. Sie war aber leiser als ich es erwartet hatte.

"Du bist ein verrückter Penner, " fing die kleine Dame an zu wettern. " aber du hast es drauf. "

Ich war überrascht das es so eine Wendung nahm. Sowas tollerantes hatte ich noch nie erlebt. Anfangs dachte ich daran das ich sie abschleppen würde aber die Gedanken waren von ihrem Verhalten gerade weggefegt worden. Sie kannte mich nichtmal mit meinem richtigem Namen aber gab mir ihr Auto. Irgendwie gewann ich den Eindruck das sie mich mochte, aber nach einer Stunde ist das etwas früh zu sagen. Ich gab ihr ihren Schlüssel zurück und reichte ihr zum Dank nochmals die Hand. Sie war genau so wie ich sie das erste Mal fühlte, also lag es doch an mir.

Leon kam zu und rüber und hielt meinen Gewinn in der Hand. Er war sichtlich mitgenommen. Auf gerader Strecke ist der Mustang vielleicht ein Ass aber wenn er wenden muß hat er verloren. Aber ich glaube das er es spätestens jetzt erkannt hatte. Mit gesenktem Kopf stand er nun vor mir.

"Hier ist dein Gewinn. Schöne Scheiße, Mann. " sagte er leise.

Ich sah ihn solange an bis sich sein Blick sich endlich hob und er mich erstaunt ansah.

"Junge steck deine Kohle weg. " sagte ich zu ihm.

In meinem Blickwinkel sah ich das Gesicht von Sandra das schonwieder einen lockeren Kiefer hatte da ihr Mund offen stand.

"Denk an den Wahnsinn nach dem Stieren und den Mund, Sandra. Nich das dein Mund austrocknet. " riet ich ihr ohne mich umzudrehen.

Sie schloß sofort den Mund und sah mich schief von der Seite an. Jetzt drehte ich mit einem Grinsen den Kopf zu ihr zu und sie erwiederte den Blick mit einem Lächeln.

"Muss ich noch deutlicher reden ? Steck das Geld weg. Tanke lieber davon. Dann freut sich deine Flamme da drin auch. "

Er steckte das Geld ein und reichte mir die Hand zum Glückwunsch. Auch er hatte einen sehr festen Händedruck fast noch fester als Dom.

"Danke Mann. "

Ich sah auf die Uhr und verdrehte die Augen. Irgendwie mußte ich Mo noch erreichen um ihm seine beschissene Kohle zu bringen. Also verabschiedete ich mich von Allen und wollte dann gerade einsteigen als Sandra nochmal auf mich zukam. Sie stand direkt vor mir und sah mich mit großen Augen an. Ich dachte schon das sie mir gleich um den Hals fallen würde aber auch in dem Punkt hab ich mich getäuscht.

Sie biss sich zwar auf die Lippe und war ziemlich nervös.

"Sieht man sich noch mal wieder ? " fragte sie schließlich.

"Und die Frage war jetzt so schwer ?"

Sie schüttelte kurz den Kopf und lächelte. Selbst im Dunkeln konnte man ihre Röte sehen. Es war ihr warscheinlich peinlich wie dumm sie sich benahm. Ich mußte mir das Lachen verkneifen weil es niedlich war wie sie sich anstellte. Ich lächelte aber nur und sah ihr tief in die Augen. Irgendwie genoß ich es doch ein wenig mit ihr zu spielen.

"Ich denke mal das wir uns irgendwann wiedersehen. " antwortete ich nach einiger Zeit.

Jetzt waren unsere Blicke aneinander gefesselt und es herrschte wieder ein langes Schweigen. Ich löste dann aber den Blick denn es wurde immer später und ich wollte sie vor mir verschonen. Ich wollte ihr nicht etwas geben das nur bis zum nächsten Morgen hielt. Sie war irgendwie diejenige die mir ein wenig die Augen öffnete.

"Würde mich echt freuen. " sagte sie letztendlich und ließ mich ins Auto einsteigen.

Mit markantem Sound sprang der BMW an und ich parkte aus. Ein letztes Hupen und ich verließ die junge Gruppe. Im Spiegel sah ich einen letzten nun traurigen Blick in Sandras Gesicht was mich sogar etwas bedrückte. Ich verdrängte es schnell und griff nach dem Telefon. Mein Telefonbuch beinhaltete alle möglichen Nummern von Mo´s Dealern. Ich mußte die Typen ja irgendwie erreichen wenn man sie nicht fand.

Ich drückte die Taste sechs und kam im Telefonbuch auf den Buchstaben M. Schnell wählte ich Mo an. Es hupte zwei mal dann ging er ran. Seine Stimme klang genervt.

"Was ? " fragte er mich unfreundlich

"Dave hier , wann und wo ? " auch ich passte meine Stimme seiner an.

"Platz der Luftbrücke. Am Denkmal. Beeilung ! "

Mit diesen Worten legte er auf und das Besetztzeichen tönte aus meinem Hörer.

"Danke für das nette Gespräch du Wichser. " erzählte ich meinem Telefon, da es gerade das Einzigste war was in meiner Nähe war.

Gott sei Dank waren es nur gut zehn Minuten Fahrt bis zu ihm hin. Und die Straßen waren zumindest was den Verkehr anging relativ leer. Ich bog um die Ecke und stellte mein Auto am Straßenrand ab. Vorm Aussteigen sah ich mich nochmal um weil ich irgendwie das Gefühl hatte beobachtet zu werden. Bis auf einen schwarzen Van der auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand sah ich nichts.

Ich stieg langsam aus und knallte die Tür zu. Mit einem Druck auf die Fernbedienung schoß ich das Auto ab. Ein doppeltes schrilles Pfeifen signalisierte das die Alarmanlage aktiv war. Langsam ging ich an der Motorhaube vorbei und auf den Park mit dem Denkmal zu. In weiter Ferne sah ich ihn bereits warten. Wie ich schon sagte war ich immer vorsichtig und blickte mich erstmal um als ich die Treppe hinunterging.

Ich sah seinen Bodyguard auf der anderen Seite der mir den Rücken zugedreht hatte. Was fürn Profi der nichtmal zwei Seiten überwachte. Ich ging auf Mo zu und er entdeckte mich aber bleib an seiner Position stehen.

"Morgen. " begrüßte ich ihn mit einem Blick auf die Uhr.

Er nickte nur kurz und deutete dann auf den Weg vor ihm. Das bedeutete das er ein Stück laufen wollte, was mich bei diesem faulen Sack immer wieder faszinierte.

"Wir müssen dringend reden. " fing er an und lief los.

"Es geht um Kevin. Ich denke das er mit meinem Stoff unerwünschte Geschäfte macht. Und ich habe die Befürchtung das er an Ali verkauft."

"Ich hab ihm die Finger gebrochen weil er mir grad mal 200 in kleinen Scheinen gegeben hat. "

"Gut."

Ich zog das Geldbündel raus und gab es ihm in die Hand. Natürlich übertrieb ich etwas, damit er zufrieden war. Er zählte fünf Scheine ab und gab sie mir zurück. Den Rest steckte er ohne zu zählen ein.

Ich steckte die Kohle natürlich auch schnell weg bevor er es sich noch anders überlegte.

"Es kann sein das ich dich noch brauche wenn mein Verdacht korrekt ist. Hier hast du den Stoff und die Liste wo es hin soll. " sagte er schließlich.

Ich steckte die Tüte mit den kleinen Kugeln in die Hosentasche und sah mir die Liste im gedämpften Licht an. Ich sah mehr Namen als sonst und der Beutel den ich bekam war auch dicker als sonst. Ich überflog den Zettel und stoppte bei einem Namen den ich genau kannte. Ihn hatte sonst ein anderer Kurier beliefert.

"Sind das nicht Jimbos Leute ? " wollte ich wissen.

Er sah mich an und blieb stehen. Ich drehte mich um und sah ihn an. Sein Gesicht war finster.

"Ja. Jimbo hatte einen schlimmen Unfall. " antwortete er.

Ich wußte was dies bedeutete und wollte auch die Einzelheiten nicht wissen. Er wurde aus dem Weg geräumt bevor er etwas erzählen konnte. So war das Geschäft nun mal. Wer einmal drin war kam nur tot wieder raus. Diese Tiere waren schnell und überall. Tiere deshalb weil diese Kaltblütigkeit nichts menschliches an sich hatte. Ich nickte nur mit dem Kopf um ihm zu signalisieren das ich es verstand.

"Also dann, ich melde mich bei dir. " sagte er und drehte sich um.

Er ging zu seinem Halbaffen und verschwand dann endlich von der Bildfläche. Ich konnte ihn irgendwie nicht leiden obwohl er verdammt gut zahlte. Eine ganze Weile stand ich nun allein auf dem Weg und dachte nach. Meine Gedanken waren bei Jim, wie er eigentlich hieß, und Kevin. Mein Gott wie lange wollte ich mir diesen Scheiß noch antun, dachte ich.

In den Himmel starrend stand ich nun da und bekam nichts um mich herum mit. Das einzigste was mich aus meinem Schlaf mit offenen Augen riss war meine Alarmanlage.

Ich wurde ziemlich überrumpelt davon und rannte leicht benebelt los. Auf dem Weg zur Treppe hatte ich meine Gedanken an die Jungs und mich selbst abgeschüttelt. Schnell zog ich meine Waffe aus dem Halfter und entsicherte sie. Als ich dann auf den Bürgersteig trat raste der Van den ich zuvor gesehen hatte los. Ich versuchte das Kennzeichen zu erkennen aber wo keins dran ist kann man keins ablesen. Nachdem ich dies erkannte drehte ich mich zu meinem Auto und schaltete erstmal die Alarmanlage ab.

Ich hätte fast geheult. Alle vier Reifen waren platt und auf der Motorhaube war mit roter Lackfarbe der Schriftzug "FÜR KEVIN" gesprüht. Die Windschutzscheibe zierte ein großes Loch. Ich trat näher und sah einen Plasterstein auf dem Sitz liegen. Frustriert trat ich gegen die Stoßstange und brüllte immer wieder "Scheiße".

Das war eine Situation in der mich niemand stören sollte denn das hatte manchen schon ein gebrochenen Kiefer beschert. Nachdem ich mich abreagiert hatte machte ich mich auf den Weg zur U-Bahn. Ich wollte jetzt nur noch nach Hause und das so schnell wie möglich. Natürlich hatte diese beschissene U-Bahn auch noch Verspätung was wieder mal bedeutete das ich auf die S-Bahn auch noch warten muss. Ich nahm die Liste nochmal in die Hand. Jetzt hatte ich noch mehr Streß als vorher und machte mir meine Gedanken das ich langsam zu alt für den Scheiß werde. Dann durfte ich endlich in Richtung Neukölln fahren. Ich brauchte fast 45 Minuten bevor ich meine Wohnungstür erreichte.

Kaum noch fähig die Füße zu heben ging ich rein und hängte den Pistolehalfter an den Kleiderhaken. Im Schneckentempo brachte ich es irgendwie fertig mich noch ins Bad zu begeben um mich nochmal anzuschauen ob ich so schrecklich aussah wie ich mich fühlte. Das war auch der Fall und ich staunte das der Spiegel hängen blieb.

Nach Inspizierung meines Zustandes zog ich meine Klamotten aus und schleppte mich ins Schlafzimmer. Mit dem Gedanken das man diesen Tag besser aus dem Kalender streichen sollte fiel ich ins Bett. Oder man macht nen Feiertag draus der dann "Tag der Scheiße" genannt wird, dachte ich noch und schlief dann gegen sechs Uhr ein.

Ich konnte noch nichtmal eine Stunde schlafen als ich unsanft durch ein Hämmern an der Tür geweckt wurde. Eigentlich wollte ich es ignorieren aber es war nicht möglich da es immer stärker wurde.

Bevor noch jemand die Tür demolierte nahm ich meine Kräfte zusammen und stand auf. Bekleidet in Unterhosen schlich ich zur Tür und schaute durch den Spion. Ich sah zuerst ein Auge davor das sich dann entfernte und sich zu einem Türken entpuppte. Er sah sehr verärgert aus und trat wieder gegen die Tür. Ich zuckte zurück und traute mich dann wieder zurück an den Spion.

Ich sah links neben ihm noch einen Schatten auf der Treppe stehen. Er war also nicht allein. Ich kannte den Typen nicht und war mir eigentlich ganz sicher das ich ihm nichts getan habe. Aber genau sagen kann man das ja nie.

"Mach auf du Sau. " schrie er und trat nochmals gegen die Tür.

Ich hatte langsam die Schnauze voll und nahm die Pistole aus dem Halfter. Leise lud ich sie durch und entsicherte sie. Nachdem ich das getan hatte schloß sich die Tür auf und ließ dabei die Kette davor um ihm nicht gleich alles anzubieten.

"Was willst du ? " fragte ich durch den Spalt der jetzt offen war.

"Alter mach die Tür auf. Du hast meine Schwester gefickt. " brüllte er.

"Kann schon sein. Und ? "

"Und ? Da fragst du noch und ? Los. Tür auf. Jetzt werd ich dich ficken!"

Ich mußte mir das Lachen über seine wilden Gesticken verkneifen. Irgendwie war ich mutig und machte die Tür auf und streckte ihm die Waffe entgegen. Er starrte mich mit großen Augen an.

"Das will ich zu gerne sehen das du mich zu deinem Flittchen machst. Ist wohl eher umgekehrt."

Langsam war er sich unsicher. Er bewegte sich etwas zurück und wußte nicht so richtig was er tun sollte. Er versuchte es nochmal mit Worten.

"Alter ich mach dich fertig. Ich fick dich und deine Mutter. "

Ich lächelte einmal kurz.

"Jetzt langt es. Ich hatte ne beschissene Nacht und nach einer Stunde kommst du Vollidiot und weckst mich. Wenn du hier einen Fuß reinsetzt dann leg ich dich um und deine Pussy auf der Treppe da unten nehm ich auch noch mit. Also was jetzt ? "

Auf der Treppe regte es sich kurz und mein Gegenüber hob die Hand und sagte etwas auf türkisch. Es kam eine Antwort von dem anderen Typen und ein Klatschen gegen die Wand. Mann war ich beeindruckt. Dann sah er mich wieder an mit einem drohenden Blick der mich wohl töten sollte.

"Wir sehen uns wieder."

"Freu mich schon. Aber nicht vor 16 Uhr. Und jetzt verpiss dich."

Mit diesen Worten knallte ich ihm die Tür vor die Nase. Ich sicherte die Waffe und ging zurück zu meinem Bett. Mit Mühe schrieb ich meinem Mechaniker wo mein Auto steht und das er sich darum so schnell wie möglich kümmern soll. Dann schlief ich nachdem ich mich über die Frechheit dieses Türken aufgeregt hatte wieder ein.

Woher sollte ich denn bitte wissen wann ich wen gevögelt habe. Meine Träume waren ungefähr genauso beschissen wie die Nacht zu vor. Ich träumte von Kev und Jimbo und besuchte sie am Ende des Traumes an ihrem Grab. In der Mitte war ein offenes Grab und ich stand davor. Der Grabstein trug meinen Namen und hinter mir sagte eine Stimme

"DU WARST ZU GUT".

In dem Moment als ich mich im Traum umdrehte knallte es laut und ich wachte auf. Ich lag schwitzend auf dem Fußboden. Wie geplättet stand ich auf und riskierte einen Blick auf den Wecker.

Es war mittlerweile schon 15 Uhr geworden und ich hatte noch eine ganze Menge Arbeit vor mir da ich ja kein Auto aber mehr Leute zu beliefern hatte. Ich humpelte ins Bad um mir wiedermal den gefühlten Zustand zu bestätigen.

Oh ja mein Spiegel mußte in diesen Tagen leiden. Mit etwas kaltem Wasser versuchte ich noch was an meinem Aussehen zu verbessern, aber es half nicht wirklich. Selbst die anschließende Dusche brachte nur wenig Verbesserung an meinem Gesamtzustand. Das Wetter draußen war so wie meine Stimmung. Dunkle Wolken am Himmel und ich zog sicherheitshalber meine Jacke an.

Meine Wohnung verließ ich gegen halb vier und hatte eigentlich mit dem Türken gerechnet als ich in Richtung Bahnhof aufbrach. Leider kam mir weder jemand hinterher noch stellte sich jemand in meinen Weg. Nach und nach arbeitete ich mich in der Liste nach unten. Den Leuten die Jimbo einst belieferte sagte ich das ich die Vertretung bin. Kevin selbst wollte ich nicht sehen. Ich gab es einem Kumpel von ihm und er brachte es runter zu ihm. Ich konnte ihm nach gestern nicht unter die Augen treten.

26.9.09 00:50


Mein Buch PART 3

Viele der Leute waren schon ungeduldig da sie nichts mehr zu verkaufen hatten aber das juckte mich nicht wirklich. Ich hatte nun mal auch Streß wenn ich diese Idioten belieferte und jetzt noch mehr da mir mein Auto fehlte.

Zwischendurch erfuhr ich das mein BMW in 2 Tagen wieder flott sein sollte und ich bestellte dann gleich die Lachgaseinspritzung da mich der Civic so überzeugt hatte. Bis auf das es einen Tag länger dauern würde war es in Ordnung. Bis zum letzten arbeitete ich die Liste in satten vier Stunden ab.

Als alles erledigt war setzte ich mich in die nächste U-Bahn um mir irgendwie die Zeit zu vertreiben. Es dauerte auch nicht lange bis ich einschlief. Nichtmal hier hatte man seine Ruhe. Ich hatte die Augen noch geschlossen als eine Stimme mich weckte.

"Junger Mann hätten sie vielleicht Interesse an der neuen Ausgabe der Zeitschrift Straßenfeger ? Oder eine kleine Spende, etwas Essen oder Trinken ? " sagte sie zu mir.

Ich blinzelte als ich die grellen Lichter über mir sah und dann senkte ich den Kopf und sah ein junges Mädchen vor mir stehen. Sie war vielleicht in einer Spanne von 18 bis 20 Jahre zu sehen aber älter nicht. Ihr Gesicht sah sehr verbraucht aus mit tiefen Augenringen. Ihre Kleidung hingegen sah gar nicht danach aus als ob sie auf der Straße lebte aber es gab ja hier auch verdammt gute Kleiderkammern. Irgendwie schüttelte ich halb verschlafen den Kopf. Auch nur aus dem Grund das ich ihr weder Geld noch Drogen geben durfte. Sie drehte sich um und ging wieder.

An der nächsten Tür bleib sie stehen und wartete auf den nächsten Bahnhof. Ich wollte auch erstmal aussteigen um zu sehen ob man irgendwo etwas zu essen auftreiben kann. Das Geld wollte ich heute nicht zusammenholen. Das wollte ich dann eher am nächsten Tag machen. Für einen Tag reichte der Streß schon aus. Ich stellte mich an die nächste Tür und sah zu dem Mädchen rüber. Sie starrte mich an aber als ich zurücksah drehte sie schnell den Kopf nach vorn. Die Zeit genügte mir aber um ihre feuchten Augen zu sehen.

Innerlich verfluchte ich mich dafür das ich keine Frauen weinen sehen konnte. Mit dem Versuch das gerade gesehene zu vergessen sah ich auf den Boden und konnte es kaum erwarten dort rauszukommen. Die Bahn fuhr in den Bahnhof ein und die Türen öffneten sich. Das Mädchen ging auf die Bank zu und ich ging nach rechts in die Richtung der Treppe. Als ich schon fast vergessen hatte hörte ich ein lauten Knall und das Wort Scheiße wurde geflucht.

Ich drehte mich um und sah wie sich das Mädchen auf die Bank fallen ließ und mit den Händen vorm Gesicht schluchzte. Mit einem tiefen Seufzen setzte ich mich in Bewegung. Nicht eine Sekunde lang zögerte ich noch. Ich ging auf sie zu und setzte mich auf die Bank. Irgendwie merkte sie mich erkannte aber nicht das sie mich gerade schonmal gesehen hatte. Schnell wischte sie die Tränen weg und sah mich mit einem gequälten Lächeln an. Es war schlecht gespielt aber es schien wohl in der Vergangenheit geklappt zu haben.

"Haben sie.... " fing sie mit ihrer weinerlich klingenden Stimme an.

"Halt. " unterbrach ich sofort.

Sie sah mich überrascht an und ihr Mund stand offen. Noch jemand mit diesen Kieferproblem, dachte ich und hatte irgendwie das Bedürfniss laut zu lachen. Aber anders als bei Sandra brauchte ich ihr nicht zu sagen das der Mund offen stand. Sie bemerkte es von selbst und schloß ihn.

"Ich weiß warum du fragst und ich weiß was du brauchst. Also wenn du mir versprichst das wir danach etwas essen gehen dann werde ich dir was geben. " sagte ich langsam.

Sie sagte nichts und starrte mich ungläubig an. Als Beweis zog ich aus meiner Tasche zwei kleine Kugeln Heroin. Ich öffnete die Hand und sie blickte auf die Kugeln runter. Ihr Gesicht sah etwas nachdenklich aus. Sie biss sich auf die Unterlippe und ich sah das ihr Arm irgendwie zugreifen wollte. Dann stand sie plötzlich auf und wollte gehen. Ich habe keine Ahnung warum ich es tat aber ich wollte sie nicht gehen lassen.

"Hey komm. Wie lange willst du noch die Show mit der Zeitung abziehen ? Solange bis keiner mehr arbeitet ? Am Halleschen Tor ist seit zwei Stunden schon keiner mehr. " rief ich hinterher.

Sie drehte sich langsam zu mir um und verschränkte die Arme vor der Brust.

"Und woher willst du das so genau wissen ? Bist doch hier und nich dort, oder ? " fragte sie.

"Ich weiß es weil ich die Jungs da beliefert habe und sie mir gesagt haben wie lange die heute da sind. Und wenn ich auf die Uhr sehe ist es schon zwei Stunden her."

"Scheiße. Du bist ein Dealer, oder ?"

"Wo hätte ich das Zeug wohl sonst her ? Vom Rummel ? " stellte ich ihr die Gegenfrage. "Ich will nur das du danach etwas in den Magen bekommst. Dann kann ich dir was abgeben."

Eine Weile überlegte sie noch und reichte mir dann die Hand entgegen um mir aufzuhelfen.

"Also dann, gehen wir ? " sagte sie

"Danke aber so alt bin ich auch nicht das ich nich alleine hochkomme." sie grinste und nahm die Hand wieder runter.

Irgendwie hatte ich nichtmal mitbekommen wo ich überhaupt ausgestiegen bin, aber der Blick auf das Schild verriet das ich am Märkischen Museeum angekommen war. Hier gab es in der Nähe eine City-Toilette. Das war eigentlich der erste Ort wo man einen Junkee fand.

Vor der Toilette holte ich die Kugeln wieder aus der Tasche. Zu meiner Überraschung nahm sie die kleinere und steckte ihre letzten fünfzig Cent in den Schlitz. Ich wartete draußen da ich es nicht mit ansehen wollte wie sich jemand zerstört. Es dauert immer 20 Minuten bis die Türen sich wieder öffnen. Mir kam die Zeit wie fünf Minuten vor. Die große Tür schwang auf und sie stand noch immer da und versuchte es sich mittels eines kleinen Strohalms in die Nase zu ziehen.

"Na wenigstens spritzt du nich." sagte ich.

Dann nahm ich die Arme nach oben und baute mit meiner Jacke so einen Sichtschutz. Es wußte zwar jeder aber es mußte ja keiner sehen das sowas passierte. Es dauerte einen Moment bis sie es endlich geschafft hatte. Sie kam zu mir und legte ihre Hand auf meine Schulter.

"Danke. " flüsterte sie.

Da ich aus eigener Erfahrung die Wirkung kannte brachte ich sie zu der Bank die in der Nähe stand, denn ich hatte keine Lust das sie mir am Tisch einnickte. Ich setzte mich neben sie und spürte plötzlich ihren Kopf auf meinem Schoß.

Ich war überrascht da ich mich gerade umgesehen hatte. Mit angewinkelten Beinen ruhte sie sich so aus. Irgendwie war sie ein hübsches Mädchen trotz des Konsums von Drogen. Ich konnte nicht anders. Sanft streichelte ich ihr dichtes, schwarzes Haar. Es verging eine ganze Zeit die ich einfach nur da gesessen habe und ihren Kopf streichelte. In Gedanken versunken versuchte ich zu überlegen was ich da tat. Dann kam ein Moment den ich ab und zu heute noch habe. Es ist das Problem Gedanken nicht im Kopf zu lassen sondern auszusprechen.Manchmal schien da die Koordination zwischen Hirn und Mund gestört zu sein.

"Schade. So jung und spielt mit dem Leben." dachte ich laut.

"Nicht mehr lange. " antwortete sie mit geschlossenen Augen.

Sie hatte nicht geschlafen sondern einfach mit geschlossenen Augen meine Nähe genossen. Ich nahm an das sie schon viel zu lange alleine mit ihren Problemen kämpfen mußte und über jede Art von Zuneigung glücklich war. Nun drehte sie sich auf den Rücken und sah mir tief in die Augen.

"Ich reduziere schon seit einigen Wochen und nehme so schwer wie es ist nur noch zwei Kugeln am Tag. " sagte sie leise.

Den Rest ihres Gesichtes sah ich gar nicht mehr. Ihre Augen fesselten meine ganze Wahrnehmung. Ich war garnicht mehr anwesend. Aber doch konnte ich noch reden.

"Ich war auch mal abhängig. Ich sehe heute noch ein paar meiner Drücke. Ist schwer davon allein loszukommen. " antwortete ich.

Noch immer hatte ich ihre Augen anvisiert. Es war mir nicht möglich diesen Blick zu lösen. Selbst wenn eine Bombe hinter uns eingeschlagen wäre hätte ich ihre Augen noch angestarrt. Nach meinen Worten schluckte sie und ich sah das sich ihre Augen veränderten. Tränen sammelten sich und die erste von ihnen lief die Schläfe entlang.

"Wir wollten doch noch was essen gehen ? " fragte sie mich.

Ihre Stimme klang so traurig das ich aufpassen mußte das ich nicht auch anfing zu weinen. Mit mir stimmte in diesen Tagen etwas nicht denn ich entwickelte Gefühle die schon seit Jahren abgetötet waren. Sie versuchte mit aller Macht nicht zu weinen und es gelang ihr irgendwie. Langsam half ich ihr beim Aufstehen und stand dann selbst auf.

"Nun gut. Dann gehen wir mal."

Mein ganzer Kopf spielte verrückt. Ich war irgendwie nicht mehr ich selbst. Von dieser Seite hab ich mich noch nie erlebt. Das erste Mal war ich nicht schwanzgesteuert. Diesem Mädchen brachte ich Gefühle wie Mitleid entgegen.

Vielleicht lag es an der Träne die ihre Schläfe entlanglief, die mir sagen sollte "Hilfe ich meine es ernst". Vollkommenes Durcheinander herrschte in meinen Gefühlen. Ganz weit in meinem Hinterkopf wußte ich das wenn ich ihr helfe es mich den Kopf kosten würde. Aber einen gewissen Drang zum Risiko hatte ich schon oft gehabt.

Es kam der bittere Geschmack an meinen Entzug wieder auf. Ich dachte an mein vorheriges Leben und das Gefühl des Wissens das man niemanden hatte. Keiner der ein nettes Wort sagt oder einen in den Arm nimmt wenn man unten ist. Keiner der dir die Trauer nimmt, dir Trost spendet und das Gefühl von Sicherheit gibt. Ich wußte zu gut wie sie sich fühlte und ich hatte jetzt auch einen dicken Kloß im Hals.

Wir gingen zur U-Bahn zurück und fuhren 2 Stationen zum Alexanderplatz zurück. Auf dem Weg zum Bahnhof lief sie dicht neben mir und im Zug lehnte sie den Kopf an meine Schulter. Kein Wort brachten wir beide raus. Sie war damit beschäftigt irgendwie mit ihrem Rausch klarzukommen und ich war in dem Gedanken versunken was ich als Nächsten Schritt tun sollte. Wir erreichten nach ungefähr einer halben Stunde eine Pizzaria.

Auf dem Weg dahin hatte sie den Kopf noch immer an mich gelehnt und ich hatte meinen Arm um ihre Hüfte gelegt. Es war zwar nicht das beste Wetter aber wir setzten uns doch draußen hin. Ich zog ihren Stuhl zurück damit sie sich setzen konnte und nahm dann ihr gegenüber Platz. Ihr Gesicht wirkte irgendwie glücklicher als zuvor. Sie hatte wohl das Gefühl jemanden gefunden zu haben der ihr das geben konnte was sie brauchte. Keine Drogen sondern ein offenes Ohr.

Ein bisschen nachdenklich sah sie aber noch aus. Sie schien den nächsten Schritt ihrerseits zu überdenken. Ich zündete die Kerze an die auf dem Tisch zwischen uns stand. Im Schein der Kerze sah sie noch schöner als vorher aus. Sie hatte schulterlange schwarze Haare und braune Augen. Ihr Gesicht war leicht gebräunt und paßte perfekt zum gesamten Körper. Sie war eine der Frauen die warscheinlich ein Traum eines jeden Mannes darstellte.

Der Kellner kam mit zwei Karten auf uns zu. Er stellte sich neben uns an den Tisch.

"Guten Abend. Möchten sie etwas trinken ? " fragte er freundlich.

Das mußte er ja auch tun weil er unter anderem auch für seine Freundlichkeit bezahlt wurde.

"Also ich nehme ein Bier. Und du ?"

"Ich würde gerne ein Glas Rotwein trinken." sagte sie verlegen.

Ich nickte und der Kellner notierte es sich die Getränke. Dann gab er uns die Karte. Ich sah nicht in hinein sondern das Mädchen an, die eifrig die Karte anschaute.

"Wie heißt du eigentlich ? " wollte ich wissen.

Sie sah auf und machte eine störende Strähne aus dem Gesicht.

"Jenny."

Und dann senkte sie den Kopf wieder um die Karte weiter zu studieren.

"Jenny. " wiederholte ich nachdenklich "Schöner Name. Ich bin David"

Sie legte die Karte zur Seite und schaute mir wieder in die Augen. Nur wenige kannten meinen richtigen Namen. Irgendwie verdrehte sie mir richtig den Kopf. Dieser tiefe Blick in die Augen brachte mich noch um. Und wieder kam mein übliches Problem ans Tageslicht.

"Du bist wunderschön. " dachte ich schonwieder laut.

"Oh."

Sie löste ihren Blick und schaute nach unten. Schnell nahm sie die Karte wieder vor sich aber klappte sie nur auf. Fand ihre Schüchternheit ziemlich niedlich.

"Ich mein es ernst. Du solltest wirklich aufhören dieses Zeug zu nehmen. Sonst siehst du nicht mehr lange so schön wie jetzt aus. Du bist jung und schön. Dieses Zeug wird dich altern lassen. Und so alt bist du doch nich nicht, oder ? "

"Bin vor einer Woche zwanzig geworden. " antwortete sie und sah wieder zu mir auf.

"Siehst du, und wenn du nicht aufhörst siehst du in einem Jahr aus wie vierzig. Glaub mir. Ich habe in den letzten sechs Jahren eine Menge Elend gesehen. Viele Freunde sind daran zu Grunde gegangen. "

Ich machte eine Pause weil ich gerade an Jim und Kevin dachte. Nicht alle sind nur am Konsum der Droge verreckt sondern Jim weil er im Ring der Dealer war. Und auch Kevin war auf dem Weg dorthin wenn das was Mo sagte stimmte. Ich hatte Angst um ihn.

"Das ist schonmal ein Punkt der uns verbindet. Ich habe auch einige Freunde sterben sehen und das sogar in meinen Armen. Ich habe Angst. Kannst du das verstehen ? " sagte sie.

"Angst wovor ? " fragte ich obwohl ich zumindest eine Antwort kannte.

"Angst allein zu sein. Es ist die Panik davor niemand zu haben wenn es Probleme gibt. Ich hab doch keinen der sich um mich kümmert. "

Dies war genau die Antwort die ich erwartet hatte. Wieder hatten wir diesen durchdringenden Augenkontakt und ihr Blick versuchte einen Hilfeschrei auszudrücken. Die Tränen standen ihr schon wieder in den Augen und sie wirkte vollkommen verzweifelt. Aus ihrem rechten Auge rann die erste Träne und lief die Wange entlang. Sie fiel auf die Karte und die nächste entfoss ihrem linken Auge. Jetzt konnte sie das Weinen nicht unterdrücken. Zwar weinte sie nicht laut aber es kamen mehr und mehr Tränen aus ihren Augen geflossen.

Ich nahm ihre Hand in meine Beiden und schaute sie lange an. Es würde nicht besser sondern schlimmer.

"Jenny du weißt sicher was ich dir gerade sagen will ?"

Sie brachte kein Wort heraus und schluchzte ein paar Mal. Dann holte sie durch den Mund Luft und atmete durch ihn weiter. Als Antwort bekam ich nur ein Kopfschütteln.

Es war diese Entscheidung die mich im schlimmsten Fall den Kopf kostete, aber es war mir egal.

"Du bist nicht mehr allein. Ich werde das mit dir durchstehen. Als erstes wirst du dich heute Nacht mal richtig ausschlafen. Morgen werden wir dann weitersehen wie wir dir am Besten helfen können. Und heute möchte ich keine Tränen mehr aus deinen Augen sehen." sagte ich zu ihr.

Die ganze Zeit über hielt ich ihre Hand in meinen Beiden fest und schaute in ihre Augen die langsam aber sicher aufhörten zu weinen. Unser inniger Blickkontakt wurde durch ein Räuspern von links unterbrochen.

"Ihre Getränke. " machte sich der Kellner bemerkbar. "Und haben sie bereits gewählt ?"

"Bringen sie einfach zwei Pizza Salami und gut. " bekam er zur Antwort.

Er stellte die Getränke ab und nahm die Karten.

"Sehr wohl. Danke. " gab er von sich und verschwand.

Ich sah ihm kurz nach und verzog das Gesicht.

"Sehr wohl. " machte ich ihn nach. "Schleimiger Speichellecker"

Mit diesen Worten lächelte Jenny leicht und wischte sich ein paar mal über die Augen. Es fiel ihr sichtlich schwer sich wieder zu fangen aber sie hatte genug Kraft dazu. Nach einiger Zeit kam dann endlich das Essen und das faszinierende daran war das es sogar schmeckte.

Wir unterhielten uns noch lange und über alles Mögliche. Sie erzählte mir von ihren Zielen und Allem was ihr so einfiel. Es war das erste Mal das ich mich mit einem Mädchen länger als eine halbe Stunde unterhielt. Meist waren es nur kurze Gespräche bevor man das Schlafzimmer betrat. Bei ihr verschwendete ich aber keinen Gedanken daran das ich mich heute noch über sie hermachen will. Sie hatte es irgendwie nicht verdient wie ein Flittchen behandelt zu werden. Ich glaubte langsam daran das ich in den letzten Jahren zu viel auf den Putz gehauen habe.

Den schönen Abend unterbrach mal wieder meine Arbeit. Es war Mo der mich anrief.

"Was gibts ? "

"Kevin hat Scheiße gebaut. Roy hat ihn bei Ali gesehen. Er hat an ihn den Stoff verkauft. Ich will das du dich um ihn kümmerst und das ganze sofort. " schrie er in den Hörer.

"Wird erledigt."

Mit diesen Worten legte ich auf und sah Jenny an. Sie hatte sein Schreien gehört. Jetzt zog die die Augenbrauen hoch.

"Dein Boss ?"

"Ja leider. "

Ich trank mein drittes Bier aus und rief nach dem Kellner. Langsam zog ich das Geld aus der Tasche und sah dann nochmal zu Jenny. Ich konnte sie ja schlecht mitnehmen. Es gab da Dinge die sie nicht erleben mußte.

"Du mußt los nehm ich mal an. " fragte sie mich mit besorgter Miene.

Ich nickte nur kurz und sah den Kellner antraben. Ich zahlte die Rechnung mit saftigem Trinkgeld was ihn zu mehrfachem Bedanken anregte.

"Jenny ich kann dich aber nicht mitnehmen. Du brauchst das nicht zu sehen."

"Und wo soll ich auf dich warten ?"

Ich überlegte kurz und hatte dann auf seltsame Art und Weise Vertrauen zu ihr gefasst.

"Hier sind meine Schlüssel und meine Ardesse schrieb ich dir auf. Ich möchte das du so schnell wie du kannst dorthin fährst und auf mich wartest. "

Sie lächelte mich an und ich hätte nur zu gerne gewußt warum sie es tat. Mit meinem Kugelschreiber notierte ich meine Adresse und Telefonnummer auf der Rechnung und gab ihr den Zettel. Danach stand ich auf und reichte ihr die Hand.

"Aber hallo. Ich bin zwanzig keine neunzig. " grinste sie.

So beschissen wie es mir ging hat mich diese Retourkutsche zum Lachen gebracht. Gemeinsam gingen wir zur U-Bahn Station. Ich hatte den Arm um ihre Hüfte gelegt und sie drückte sich fest an mich. Auf dem Bahnsteig angelangt setzten wir uns auf die Bank und ich hielt ihre Hand. Sie drückte meine Hand sehr fest und sah mich besorgt von der Seite an. Ich bemerkte ihre Blicke und sah sie an.

"Paß bloß auf dich auf. Ich brauch dich noch." sagte sie leise. "Mach ich."

Nun biss sie sich wieder auf die Unterlippe und sammelte somit den Mut für den nächsten Satz.

"Du ich glaub das du es mir angetan hast. Ich mag dich."

Ich verzog das Gesicht zu einem schiefen Grinsen.

"Ach wirklich ? "

Dann kam ihr Gesicht immer näher und kurz vor dem Kuß schloß sie die Augen. Es war das erste Mal nach sechs Jahren das ich bei einem Kuß etwas fühlte. Sie legte beide Arme um meinen Hals und ich genoss es. Ich nahm meine Hände und strich ihr von der Wange aus in Richtung Nacken die Haare zur Seite. Unseren ersten Kuß unterbrach ihre einfahrende Bahn. Plötzlich mußten wir uns voneinander lösen was mir eigentlich gar nicht paßte. Sie stand auf und lächelte mich an.

"Na überzeugt ?"

Ich nickte nur da ich im Moment überwältigt war. Langam erhob ich mich und stand vor ihr. Sie reichte mir ungefähr bis zur Nase. Ich gab ihr einen Kuß auf die Stirn und selbst das bewegte sie die Augen zu schließen. Die Signale der Tür ertönten und ich mußte sie schnell reinschicken bevor es zu spät wurde. Sie kam noch knapp hinein und blieb an der Tür stehen. Die U-Bahn fuhr an und unsere Blicke trennten sich erst als der Zug den Bahnhof komplett verlassen hatte. Nun kam auch meine Bahn. Ich hatte einen kürzeren Weg vor mir. Nur eine Station weiter mußte ich wieder einmal einen Scheißjob erledigen um zu überleben.

Ich kam an der Station an und stieg aus. Ich entdeckte Kevin am Ende der Treppe. Jemand war bei ihm und als er mich sah rannte er davon. Kevin blieb stehen und sah zu mir. Er lief rot an aber bleib wo er war. Ich tat so als hätte ich den anderen Typen nicht gemerkt. Langsam ging ich die Treppe rauf und bekam schon auf der letzten Stufe das Geld von ihm entgegen gestreckt.

"Hier. 265 und gewechselt." grinste er.

"Siehst du, geht doch. Es gibt da nur ein Problem was mir zu Ohren gekommen ist."

"Und welches ? " stellte er sich dumm.

"Jetzt tu nicht so. Was hast du mit Ali am laufen ?"

"Nichts Mann. Ich arbeite für Mo."

Wenn ich etwas hasste dann solche Aussagen. Er baute Scheiße am laufenden Band aber hatte nicht den Arsch in der Hose dazu zu stehen.

"Schlechter Lügner. " sagte ich.

Wie beim letzten Mal begann der Denkzettel mit einem kräftigen Hieb in die Magengrube. Die Finger wollte und konnte ich nicht schonwieder brechen. Ich richtete ihn wieder auf und dann passierte das was meinen Genickbruch in der Laufbahn war. Mit der rechten Faust schlug ich ihm so kräftig vor seinen Unterkiefer das er rücklinks die Treppe nach unten fiel. Er blieb am Fuße der Treppe bewegungslos liegen. Ungefähr ein viertel seines Körpers ragten über das Gleisbett. Ich drehte mich um und ging die nächste Treppe hinauf weil ich dachte das er nur so tat damit ich aufhörte. Im Gehen bemerkte ich unter mir eine starke Vibration und ein tiefes Grollen.

Einige Sekunden vergingen bis ich realisierte das eine Bahn aus dem Tunnel kam. Ich stand bereits am oberen Ende der zweiten Treppe und stürzte zurück. So schnell ich konnte rannte ich die Treppe runter und hörte das schrille Signalhorn und den letzten Versuch der Bahn abzubremsen. Ich kam um die Ecke und sah das ich zu langsam war. Mit einem letzten Hupen brach das gelbe Ungetüm aus dem Tunnel. Kevin war nicht bei Bewusstsein und die Bahn prallte gegen ihn. Ich stand auf der Treppe und sah seinen Körper wie er ein Stück mitgeschleift wurde und zerteilt wurde. Mit einem dumpfen Schlag spritzte das Blut auf. Die Front der U-Bahn sowie ein Teil der Seite waren völlig mit Blutflecken übersäht. Sofort drehte ich mich weg und würgte. Ich übergab mich auf der Treppe. Dann hörte ich Stimmen auf dem Bahnsteig und hysterisches Geschrei.

Egal wie aber ich mußte da raus. Ich rannte los in Richtung Alexanderplatz. So schnell ich konnte sprintete ich bis meine Kräfte versagten. Ich hatte einen verschwommenen Blick und die Übelkeit war noch nicht vorbei. Ich hielt mich an einer Straßenlaterne fest und mußte mich nochmal übergeben. Mein Sehvermögen ließ nach und ich bekam ein Rauschen im Ohr. Ich stand kurz vorm Zusammenbruch. Mit Tunnelblick kämpfte ich mich weiter in Richtung S-Bahn durch.

Ich hatte kein Zeitgefühl und kann somit auch nicht genau sagen wann ich es schaffte die Bahn zu erreichen. Ich saß wie abwesend darin und schaute aus dem Fenster. Mein Blick war in die Ferne gerichtet. Was hatte ich getan. Ich hatte jemanden getötet. Ich war wegen Drogen zum Mörder geworden. Trotz kühlem Wetter liefen mir sie Schweißperlen von der Stirn. Meine Augen brannten weil ich den Schweiß überall am Körper hatte. Er lief mir sogar in die Augen.

Einmal mußte ich am Ostkreuz umsteigen und sehnte mich nur danach zu Hause zu sein und keinen mehr sehen zu müssen. Ich war wie weggetreten auf dem Weg zu meiner Wohnung. Noch ein drittes Mal übergab ich mich als mir das Bild des spritzenden Blutes durch den Kopf sauste. Es kam schon nichts mehr raus. Vor der Eingangstür suchte ich meinen Schlüssel bis dann irgendwann die Erkenntniss kam das ich ihn ja dem Mädchen gegeben hatte. Ich klingelte und ihre Stimme erklang am anderen Ende. Schwach brachte ich meinen Namen heraus und sie betätigste den Türöffner. Ich schleppte mich die Treppe rauf und sie stand bereits dort.

"Oh mein Gott. " bekam ich nur halbwegs mit.

Sie stand vor mir und ich sah sie mit glasigem Blick an. Dann kam der Tunnel wieder und ich sackte zusammen. Das Rauschen in den Ohren wurde stärker und ich tauchte in Schwärze ein. Ich bekam noch einen Schlag am Kopf mit und war dann für eine Zeit bewusstlos. Von einem Ziehen an meinem Arm wurde ich wach und offnete vorsichtig die Augen. Grelles Licht war über mir und Jenny zog an meinem Arm. Sie fluchte das ich schwer bin.

Ich nahm an das sie probierte mich ins Schlafzimmer zu bringen. Laut stöhnte ich und sie unterließ ihre Versuche und half mir stattdessen Aufzustehen. Sie stützte mich mit viel Anstrengung ab und brachte mich ins Bett.

"Kevin....tot." stammelte ich vor mich hin.

Sie hatte es nicht verstanden, aber ich verstand sie obwohl sie das nicht gedacht hatte.

"Egal was passiert ist. Ich halte zu dir. Ich sage auch das du die ganze Nacht hier bei mir warst. " sagte sie leise.

Ich hätte sie dafür gerne geküsst aber ich war ja nichtmal in der Lage ihr zu sagen was passiert ist. Ich hatte einiges gesehen aber das war mir zu viel zum wegstecken. Ich hatte einen Jugendlichen auf dem Gewissen. Das letzte was ich noch mitbekam war das ich aufs Bett gelegt wurde. Danach war ich vollkommen weg. Nach ein paar Stunden wurde ich nochmal wach und merkte das sie es irgendwie geschafft hatte meine Klamotten auszuziehen. Nur in Boxershorts lag ich am Bett und war zugedeckt.

Jennys Kopf lag unterhalb meines Kinns auf dem Brustkorb. Vorsichtig zog ich den linken Arm unter ihr vor und legte ihn um sie. Sie regte sich etwas und kuschelte sich noch mehr an mich. Ich küßte ihr Haar und schlief dann wieder ein.

Gegen Mittag weckte mich mein Handy und es war schon wieder Mo der mich störte. Er teilte mir mit das ich mich erstmal von allen fernhalten soll weil die Bullen überall waren nach dem was gestern passiert war. Ich hätte ihm gerne meine Meinung gesagt was es doch für ein Arschloch ist, aber das wäre mein Todesurteil gewesen. So gab ich ihm Recht und sagte ihm das ich zu Hause bleiben werde. Nach dem Telefonat wachte Jenny auf und drehte sich zu mir um. Sie sah mich mit verschlafenen Augen an und fing an mir die Brust zu kraulen. Es war schön denn so einen Morgen hatte ich in den letzten sechs Jahren nicht mehr. Entweder ich hatte meine Gäste in der selben Nacht schon vor die Tür gesetzt oder spätestens früh.

"Morgen. War am Telefon los ? " wollte sie wissen.

"Nichts. Der Tag heute gehört uns. Du kannst die letzte Kugel da nehmen. Wirst ja sicher eine brauchen. " sagte ich.

"Noch nicht. Ist grad so schön hier."

Sie schmiegte sich an mich und gab mir einen Kuß auf den Wange. Dann legte sie den Kopf wieder auf meine Brust und blieb dort liegen. Sanft streichelte ich ihren Oberarm entlang. Nach einer Minute brach sie das Schweigen.

"Ich weiß ja nicht was gestern los war und ob du mich in deinem Zustand eigentlich verstanden hast. Für dich würd ich alle anlügen und sagen das du hier warst. Nur um dich zu schützen und um dich nicht zu verlieren. "

Gestern wollte ich sie dafür küssen. Das wußte ich noch und jetzt konnte ich es. Ich hatte keine Ahnung wie lange wir es taten aber es dauerte an. Sie ließ wieder locker und ich ging mit dem Kopf noch ein Stück hinterher. Mann die Frau machte mich richtig süchtig. Jetzt stützte sie sich links und rechts neben mir ab und sah mich an.

"Sag mal haben wir gestern oder nich ? " fragte ich sie.

"Ha ha. Wie denn. Du warst ja vollkommen weggetreten. "

"Nachholen ? " fragte ich sofort ohne lange zu zögern.

Ihre Antwort kam nicht mit Worten sondern damit das sie sich auf mich setzte und ihr Shirt auszog. Oh mein Gott sie sah aus wie ein Engel. In schwarzem BH hockte sie nun auf mir. Ihre langen Haare hingen bis zur Brust über der Schulter. Ihr Kopf kam nochmal auf mich zu und ihre Haare strichen über meine Brust. Was für ein Gefühl. Sonst war ich der ganz harte Bursche den nichts und niemand schocken konnte aber diese Frau machte mich weich.

Gefühlsmäßig war ich in diesem Moment weich wie Matsch. Wieder folgte ein langer Zungenkuß und diesmal ließ ich meine Hände langsam ihre Hüften entlang gleiten bis zu ihrem Hintern. Ich suchte mir dann wieder den Weg nach oben und tastete mich zu ihrem BH. Mit einem Schnappen öffnete er sich. Sie setzte sich nochmals aufrecht hin und ich sah sie an. Ich sah sie an und streichelte mich an ihren Brüsten entlang nach oben hin zu ihrem Hals und brachte sie vorsichtig dazu neben mir zu liegen wo ich damit bekann mich an ihrem Körper satt zu küssen....

Ich hatte zwar kein genaues Zeitgefühl aber es waren sicher weit über anderthalb Stunden die es dauerte. Die längste Zeit die ich mit einem Mädchen Sex hatte.

Es war sonst wie die Werbung für die Ford Werkstätten "Rein-Rauf-Runter-Raus". Als nächstes stand sie auf, weil jetzt der Wille nach den Drogen stärker wurde und sie es nicht mehr aushielt. Sie nahm die letzte Kugel und verschwand mit ihrer kleinen Handtasche im Bad. Es dauerte nicht allzulange bis sie wieder auftauchte und ungefähr die Hälfte auf meinen Nachttisch legte.

"Siehst du ? Nach unten dosieren nicht nach oben. " verkündete sie stolz.

Ich lächelte sie an und zeigte einen Daumen hoch. Es war für mich an der Zeit endlich mal aufzustehen und mich anzuziehen. Mehr oder weniger schwungvoll stand ich auf. Mein erster Gang war das Bad und ich schaute wie nach jedem Aufstehen erstmal in den Spiegel um etwas Selbstmitleid zu erhaschen wie schlecht ich wieder aussah.

Überrascht stellte ich fest das ich mal glücklich wirkte. Mein üblicher Ablauf begann mit Dusche, dann Kaffee und eine Kleinigkeit zum Frühstück. Jenny ruhte sich in der Zeit noch etwas aus und kam dann zu mir in die Küche. Auch sie nahm sich etwas zu essen und trank einen Kaffee.

Den Rest der uns an Zeit noch blieb verbrachten wir in einem langen Spaziergang im Park. Das ganze ging so lange bis wieder einmal mein Handy klingelte. Wer sollte es wohl sonst sein als Mo der mich mal wieder nervte. Ich sollte so schnell wie möglich zu ihm kommen. Als ich ihm sagte das ich kein Auto habe meinte er nur das ich ihn nicht warten lassen soll.

Natürlich war Jenny nicht erfreut darüber das ich nochmal weg mußte aber sie versprach mir auf mich zu warten mit einer Überraschung. Als ich wissen wollte was für eine Überraschung lächelte sie nur. Fest in meinem Arm brachte ich sie bis zu meiner Wohnung.

Heute weiß ich das Liebe blind macht und so merke ich zwar den schwarzen Van der ein Stück hinter meinem Aufgang stand aber ich registrierte weder eine Gefahr noch hatte ich dieses Gefühl das etwas nicht stimmte. Sie ging nach einem Abschiedskuss hinauf und ich überquerte die Straße und machte mich auf den Weg zu der Tankstelle an der Jannowitzbrücke. Es war ein ziemliches Ende das ich zurücklegen mußte. Kurz bevor ich in den U-Bahnhof gehen wollte überkam mich dann doch ein komisches Gefühl. Ich schob es auf das was ich gestern erlebt hatte und verdrängte den Gedanken.

Nach acht Stationen endete die Fahrt. Einmal um die Ecke und ich war schon bei ihm. Er sah düster auf seine Uhr und dann zu mir.

"Das mit Kevin ist in Ordnung. Er wollte ja nicht hören. " sagte er kalt.

Ich sah ihn an und ich dachte das ich ihn gleich töten würde. Dieses verfluchte Arschloch hatte nicht einen Funken Herz in sich.

"Ich will nichts darüber hören. Gib mir das Zeug. Ich will nach Hause"

"Werd nicht übermütig und paß auf was du sagst. " drohte er.

Er warf mir die Plastiktüte zu die Alles beinhaltete und ich schaute kurz hinein. Dann drehte ich mich ohne ihn weiter zu beachten um und ging nach in die Richtung vom Bahnhof. Meine Gedanken schwirrten wieder einmal durcheinander. Ich dachte an Kevins Tod und daran das es wirklich langsam an der Zeit war diesen ganzen Scheiß an den Nagel zu hängen. Mit schwerem Herzen kaufte ich eine Rose bei dem chinesischen Blumenhändler der wie so oft vor dem Bahnhof seine Blumen und nebenbei auch Zigaretten verkaufte.

Mit dieser einzelnen Rose machte ich mich auf den Weg in die Bahn. Zwei Stationen fuhr ich in die falsche Richtung und kam an dem Ort des gestrigen Abends an. Ich stieg aus und sah bereits von weitem eine Menge Fotos und Blumen an der Ecke stehen.

Ich kniete mich davor nieder und senkte den Kopf. Meine Augen brannten wie Feuer unter dem Druck der Tränen. Ich hatte keine Kraft es zu unterdrücken. Die Tränen liefen an meinem Gesicht entlang und fielen auf den Boden. In mir stieg soviel Wut auf das ich die Rose erstmal auf den Boden legte und im Kreis lief. Noch immer liefen die Augen wie ein Wasserfall. Ich wollte einfach nur schreien. Und das tat ich auch. Mit voller Wucht schlug ich gegen den Fahrkartenautomaten und schrie den ganzen Schmerz der Trauer aus meiner Seele. Nochmals schlug ich in den Blechkasten, der bereits eine Beule dank mir davongetragen hatte.

Der Schmerz in meiner Hand war geringer als der der in meiner Seele brannte. Ich hörte den Schrei noch lange nachhallen und es interessierte mich auch nicht das dort auf der Bank andere Menschen saßen und mich anstarrten. Ich sah auf den Betonboden der noch immer an einigen Stellen die Farbe seines Blutes trug. Wieder kochte es in mir. Ich mußte da wieder weg bevor ich durchdrehte. Vor lauter Tränen war mein Blick verschwommen und ich ging zu den Bildern zurück.

Vorsichtig steckte ich meine Rose mit in die eine Vase.

"Machs gut Kev. Hast es geschafft. " sagte ich leise.

Dann stand ich auf und spürte den Wind der ankommenden Bahn. Ich mußte so schnell wie möglich nach Hause und mit jemanden über das was ich getan hatte reden. Ich brauchte in diesem Moment Jenny fast mehr als sie mich brauchte. Ich entschied mich aber den Weg bis dorthin zu laufen, was ich im Nachhinein bereute denn ich wäre mit der Bahn vielleicht noch rechtzeitig da sein können. Ich lief lange und kam erst im Dunkeln an. Für die Haustür hatte ich den Schlüssel eingesteckt aber die Wohnungstür mußte sie mir öffnen. Als ich die Treppe hochkam dachte ich das ich in einem Kinofilm bin.

Vor meiner Tür lagen Holzsplitter und ich sah vorsichtig um die Ecke. Im inneren war es schon dunkel und ich betätigte den Lichtschalter. Nichts passierte. Mit dem Handy leuchtete ich mir den Weg zum Sicherungskasten. Ich machte mir einem Klicken den Hauptschalter an und alle Lichter in meiner Wohnung sprangen an. Ich bewegte meinen Fuß ein Stück und er klebte irgendwie. Ich sah hinunter und entdeckte eine Blutspur die in die Küche führte. Ich hob den Kopf und wäre vor Entsetzten fast umgekippt. Auf einem Stuhl der mitten in der Küche stand war Jenny gefesselt.

Sie hatte unzählige blaue Flecke, Schrammen und auf ihrer Stirn war das Wort Kevin mit einem Messer eingeritzt. Das Messer lag neben dem Stuhl. Mein Blick ging nach rechts wo eine kleine Schüssel mit Flüssigkeit und eine Packung Rattengift stand. Ich stürmte zu ihr und sah kurz vor ihr eine Spritze die in ihrem Arm steckte. Sie hatten genau in die Vene injeziert. Sie war schwach bei Bewußtsein und hatte starke Schmerzen. Die Spritze zog ich zuerst raus und versuchte sie so schnell wie möglich loszumachen.

"David. " flüsterte sie unter Anstrengung.

Dann erbrach sie irgendeine schäumige Masse. Sie hatte Krämpfe dabei und ich bekam einen Stich im Herzen als ich sie leiden sah. Mit zitternden Fingern versuchte ich das Seil loszumachen. Ich hatte meine Hände kaum unter Kontrolle. Sie stöhnte und versuchte mir irgendwas zu sagen.

"Es waren...."

"Jenny. Nein. Bleib wach." schrie ich.

Nach mehreren "Scheiße" Flüchen nahm ich das Messer und schnitt die Fesseln durch. Die Spritze steckte ich in die Tasche und versuchte Jenny so vorsichtig wie möglich aufzuhelfen. Sie war fast vor der Besinnungslosigkeit. Ihre Arme hingen schlaff und es war keinerlei Kraft in ihrem Körper. Mit allen Muskeln die ich hatte schaffte ich es seltsamerweise sie bis auf die Straße zu bringen. Nicht ein beschissenes Auto ließ sich blicken. Nur entfernt röhrten Motoren in der Seitenstraße. Dann bog ein großes Auto um die Ecke das aber in die falsche Richtung fuhr.

Ich schrie und fuchtelte wild mit dem Arm den ich frei hatte. Ich dachte das der Wagen weiter fährt aber es kam ein lautes Quitschen von Reifen zu mir und ich drehte mich um. Die Lichter rasten auf mich zu. Millimeter vor mir bleib der Wagen stehen. Ich blickte in ein bekanntes Gesicht. Leon sprang raus und rannte auf mich zu ohne lange zu warten half er mir Jenny abzustützen. Wir gingen neben die Beifahrertür und Jenny übergab sich schon wieder.

"Was zum Geier ist mit ihr los ? " fragte er.

"Später. Bring mich mit ihr in die Klinik."

Er klappte die Sitz zurück und half mit Jenny ins Auto zu kriegen. Ich legte sie vorsichtig ab und setzte mich hinter Leon. Ich nahm ihren Kopf auf meinen Schoß und streichelte ihr Haar.

"Halt durch. Bleib ja schön wach, hörst du ? " sagte ich die ganze Zeit.

Leon war ins Auto gesprungen und fuhr wie ein Gaskranker los. Er raste die ganze Straße runter und bog nach ein paar Straßen rechts ab. Jenny bewegte sich schwach und dann sah ich das sich ihre Lippen bewegten. Ich verstand sie nicht und ging näher an sie ran. Sie sah im Gesicht vollkommen zerstört aus. Übersäht von blauen Flecken und tiefen Schnitten des Messers. Jetzt verstand ich ihre Worte die sie mir sagen wollte.

"Bitte steig aus... " sie machte eine Pause und hob mit viel Kraft ihren rechten Arm um ihre Hand an meine Wange zu legen.

Ich hielt ihre Hand fest und spürte Kälte. Sie glitt immer weiter davon

"...solange du noch raus kannst... tus für mich...und für Kevin."

Nach diesen Worten fielen ihre Augen zu. Eine Sekunde später spürte ich ihre Kräfte schwinden. Der leichte Druck ihrer Hand verlor die Wirkung. Immer weniger holte sie Luft bis ihr Atem mit einmal versiegte. Der Kopf sackte ab. Ich riss die Augen auf.

"Jenny. Nein. Komm zurück....Jenny. " schrie ich vergeblich.

Sie konnte mich nicht mehr hören. Ich rüttelte sie so stark ich konnte um sie wieder aufzuwecken aber meine Versuche blieben ohne Erfolg. Ich versuchte eine Mund zu Mund Beatmung aber auch die brachte mir meine Jenny nicht zurück. Ich sah nach vorn und Leons Gesicht mit nassen Augen im Rückspiegel. Er raste auf das Krankenhaus zu das in einem guten Kilometer auf der rechten Straßenseite lag.

"Jenny los. Laß mich jetzt nicht im Stich." schrie ich nochmals.

Leon raste die Rampe für Rettungswagen hoch und bremste scharf direkt vor der Tür. Wie ein Irrer sprang er winkend auf und ab.

"Mann los. Notfall. Wo bleibt ihr Penner. Nu macht doch mal. Notfall. Kommt doch mal ausm Arsch. " brüllte er und es hatte Sinn.

Zwei Sanitäter kamen mit einer Trage angerannt. Sie halfen mir Jenny aus dem Auto zu holen und sie auf die Trage zu legen. Ihr Körper hing schlaff als sie hochgehoben wurde. Ein Arm fiel von ihrem Bauch runter und baumelte an der Seite hin und her. Ich legte ihn vorsichtig wieder zurück und ließ meine Hand drauf. Dann begann die Hetzjagt in Richtung Not-Op. Ich hielt mit den Pflegern Schritt und erzählte kurz was ich wußte und gab die Spritze ab.

"Sie müssen hier warten." sagte der Sanitäter und ließ mich stehen.

Ich sah zu wie mein Engel hinter einer großen weißen Tür verschwand und ich konnte nichts tun als beten. Lange starrte ich auf die Tür. Ich war überall mit Blut verschmiert und zitterte am ganzen Körper. Meine Hände waren taub und ich bekam wieder dieses seltsame Gefühl das ich zusammenbrechen würde. Leon legte mir seine Hand auf die Schulter und drückte fest zu. Vielleicht damit ich merkte das ich noch da bin.

"Das wird schon wieder. " ermutigte er mich.

Ich nickte nur da ich mir nur dachte "Hoffentlich". Aber ich sprach es nicht aus.

"Junger Mann ? " erklang eine Stimme hinter uns.

Weder ich noch Leon waren jetzt im Stande auf diese Stimme zu reagieren. Sie nervte nochmals.

"Ihr Auto muß da weg. " sagte die Schwester etwas lauter.

"Ja Mann, nu geh mir nich aufn Docht. " antwortete Leon und ging fluchend den Gang zum Eingang zurück.

Ich setzte mich hin und starrte auf den Fußboden. Nach ein paar Minuten kam Leon zurück und setzte sich neben mich. Er lehnte sich wie ich nach vorn und sah mich von der Seite an.

"Und ? "

"Noch nichts." antwortete ich.

In meinem Kopf war nun Alles durcheinander. Wie wild rasten mir ihre Worte durch den Kopf. Ich schloß die Augen, was der größte Fehler war, denn ich sah sie vor mir. Gefesselt an dem Stuhl und halb tot. Schnell machte ich die Augen wieder auf und starrte wieder zur Tür. Das half aber auch nicht, da ihre Stimme in meinem Kopf hallte.

"Bitte steig aus...solange du noch raus kannst"

Diese Worte hallten durch meinen Kopf und ich konnte sie nicht daran hindern. Nach ungefähr einer Stunde schwang die Tür auf und der Arzt trat mit ernster Miene auf mich zu. Ich stand auf obwohl ich ahnte das es ein Fehler war. Seine Miene verriet mir das Schlimmste. Er konnte mir nicht in die Augen sehen sondern sah eher auf meinen Mund.

"Es tut mir Leid aber ich hab alles versucht. " sagte er schließlich

In meinem Kopf fing es an sich zu drehen und mein ganzer Körper zitterte.

"Nein. Das ist jetzt nicht ihr Ernst."

Meine Knie wurden plötzlich weich und ich sackte weinend auf die Selbigen nieder. Leon der neben mir stand legte tröstend die Hand auf meine Schulter obwohl er gerade selbst mit den Tränen kämpfte, warum auch immer. Er kannte sie nicht so wie ich.

"Das darf nicht wahr sein. " schluchzte ich.

Meinen Kopf in Richtung Boden gesenkt hockte ich da und versuchte mich zu fangen, was mir nach einiger Zeit auch gelang. Ich stand vorsichtig auf.

"Kann ich sie nochmal sehen ? " fragte ich den Arzt.

"Wer sind sie eigentlich ? "

"Ihr Freund. " gab ich ihm die Antwort

Er nickte und ging auf die Tür zu. Langsam öffnete er mir die Tür und ich ging hinein. Da lag sie nun auf dem Tisch wie ein Engel. Unter Tränen trat ich näher an sie heran. Mein Blick war wieder verschwommen, wie so oft in den letzten Tagen. Ich nahm ihre Hand und hielt sie in meinen Beiden, genau so wie in der Pizzeria.

Der Abend schoß mir in die Gedanken so wie eine Kugel die meinen Kopf durchdrang. Die Worte die sie an diesem Abend sagte hallten durch meinen Kopf.

"Ich habe Angst...Angst davor Allein zu sein" hörte ich sie in meinem Geist reden.

Ich sah in Gedanken die Träne die ihrem Auge entrann und auf die Karte fiel. Nun war ich es der jede Menge Tränen verlor. Sie rannen Meine Wangen entlang und fielen vom Kinn aus auf das weiße Laken unter dem Jenny lag. Der Schmerz in meiner Seele brannte wie ein Feuer das mich von innenher auffraß. Meine Augen brannten und waren heiß. Ich hatte das Gefühl als ob ich heißes Wasser weinte. Ich sah alles was wir erlebt hatten nochmal im Rücklauf. Ich schloß die Augen und sah sie im Kerzenschein. Ihr Gesicht als sie auf der Bank auf meinem Schoß lag bis hin zu unserer ersten Begegnung in der Bahn als ich die Träne in ihrem Auge sah und mich verflucht hatte. Alles. Ich sah es wie einen Film. Zum Schluß drückte sich der Anblick ihres Todes durch und ich sah sie auf dem Stuhl. Sofort riß ich die Augen auf und atmete tief ein und aus. Das die Tränen noch immer aus meinem Auge rannen nahm ich schon nicht mehr wahr. Es waren einfach zu viele so das sich die Augen schon daran gewöhnt hatten. Mein Kopf war noch immer verwirrt.

Ich hörte sogar meinen besten Freund mit seinen Worten das er immer für mich da ist.

"Egal wo ich bin, Im Herzen werde ich immer bei dir sein.. " sagte er kurz bevor er sich eine Überdosis Tabletten nahm.

Mich überkam der Wunsch ihr,auch wenn sie mich nicht hörte, ein Versprechen abzugeben.

"Jenny. Hab keine Angst mehr. Ich bin im Herzen bei dir. Egal wohin du gehst. Ich liebe dich." füsterte ich.

Dann ließ ich ihre Hand los und gab ihr einen letzten Kuß auf den Mund. Ein letztes Mal streichelte ich ihre Wange mit dem Handrücken und ihre Haare mit der Handfläche. Ich trat danach einen Schritt zurück und sah sie noch immer an. Meine Augen brannten wieder aufs neue und mein Hals schmerzte beim Schlucken. In meinem Schädel hörte ich ihr Lachen als wir den Nachmittag im Park verbrachten. Mein Schmerz war unbeschreiblich. Es war als ob mich ihr Verlust zerreißen würde. Das häßliche Gefühl der Hilflosigkeit beherrschte mich.

Es gab nichts was ich in irgendeiner Art und Weise für sie tun konnte. Sie trat wie ein Tornado in mein Leben und verschwand auf eine Art wider daraus die einem die Frage nach einem Warum nahe legt. Das Warum gerade ich.

Der Arzt kam herein und blieb an der Tür stehen.

"Sie war etwas ganz besonderes. " sagte ich ohne ihn anzuschauen.

"Ich weiß wie sie sich fühlen. Es tut mir leid aber ich habe alles in meiner Macht stehende getan."

Ich ging zu ihm. Es war verdammt schwer den Blick von Jenny zu lösen aber ich schaffte es irgendwie. Ich legte die Hände auf seine Schultern und sah ihm direkt in die Augen. Diesmal tat er es auch, so schwer es ihm viel.

"Ich weiß. Und ich danke ihnen dafür. "

Nun nahm ich die Hände runter und drehte mich nochmal zu ihr um. Bevor ich noch länger den Schmerz empfinden mußte sie zu sehen und nichts mehr tun zu können ging ich ohne ein Wort durch die Tür. Den Kopf in Richtung Boden gerichtet stand ich dann auf dem Flur. Der Arzt stellte sich nochmals neben mich.

"Brauchen sie ein Beruhigungsmittel ? "

"Nein. Ich nehm keine Drogen mehr." gab ich ihm zur Antwort.

Er nickte nur und nahm dann einen Zettel aus seiner Brusttasche. Er schrieb kurz etwas auf und sah mich dann an.

"Würden sie mir vielleicht ihre Telefonnummer für Rückfragen geben ? Ist heute vielleicht etwas viel was auf die einwirkt um jetzt noch Fragen zu beantworten. "

"Da haben sie Recht."

Ich nahm den Zettel und den Stift und schrieb ihm Alles auf. Er bedankte sich dafür und fragte mich ob er noch etwas tun kann. Mir fiel nichts ein was er noch machen konnte. Es gab ja nichts was Jenny zurückbrachte. Ich ging zu Leon und sah ihn an. Obwohl wir uns nicht großartig kannten heulte auch er wie ein Schloßhund. Er stand auf und fiel mir um den Hals.

"Scheiße Mann. Ich mach mir Vorwürfe weil ich nich schneller war. Hätte ich .. " heulte er.

"Hör doch auf. Wenn du nicht da gewesen wärst dann wäre sie auf der Straße gestorben. Du trägst keine Schuld." sagte ich zu ihm.

Er bekam sich langsam unter Kontrolle. Ich gab ihm die Hand und er drückte nicht so fest zu wie bei unserer ersten Begegnung. Ich sah ihn aus meinen blutunterlaufenen Augen an.

"Sie wird dir deine Mühen danken. Irgendwie und irgendwann." Sagte ich.

"Hör auf. Hab mich grade wieder eingekriegt. Soll ich wieder anfangen zu heulen ? "

"Nein. Ist schon gut. "

Ich nahm ihn nochmal kurz in den Arm und klopfte ihm auf die Schulter. Er machte das Gleiche. Dann drehte ich mich um und lief los. Die Schwester sah uns besorgt an aber sagte nichts als ich vorbei ging. Die schwere Tür nach draußen öffnete sich und ich sah das es angefangen hatte zu regnen. Ich dachte an das Sprichwort das der Himmel weint wenn ein Engel stirbt. Ja ich glaubte jetzt daran. Leon stellte sich neben mich und sah zum Himmel rauf.

"Soll ich dich manchmal nach Hause bringen ? Ich mein ich müsste eh die Richtung zurück. "

Ich sah ihn an und schüttelte stumm den Kopf. Er nahm seine Geldbörse und holte eine Karte raus.

"Hier. Wenn du mich brauchst ruf an."

Dann nahm er mich nochmals in den Arm und klopfte mir auf die Schulter. Danach ging er zum Auto. Mehrmals drehte er sich besorgt zu mir um. Ich hob noch die Hand als er abfuhr und machte mich dann selbst auf den Heimweg. Ich wußte das ich dort nicht bleiben konnte. Ich würde wohl ein paar Sachen packen müssen und zu einem Kumpel gehen müssen. Nach einer guten Stunde kam ich vollkommen durchnässt an und ging hinauf. An der Küche ging ich so schnell wie möglich vorbei. Ich hatte eh keinen Hunger. Ich setzte mich im Schlafzimmer aufs Bett und legte den Kopf in die Hände. In dieser Haltung verharrte ich erstmal. Die Stimmen in meinem Kopf waren für den Augenblick verstummt aber als ich die Augen schloß kam das Bild aus der Küche sofort in meinen Sinn.

Ich spreizte die Finger auseinander und öffnete sie Augen. Mir fiel Jennys kleine Handtasche auf. Ich sah sie eine Weile an und stand dann auf. Ein kleiner Reißverschluß öffnete sie und ich schüttete den Inhalt aufs Bett. Ich sah ein paar Auromatenpassbilder, ein kleines Buch, einen Gummi und ein paar Feuerzeuge. Irgendwie seltsam aber ich fragte mich in diesem Moment warum sie den Gummi nicht nutzen wollte wenn sie einen hatte. Nachdem ich die Frage beiseite geschoben hatte weil sie fehl am Platze war nahm ich die Fotos und sah kurz drauf. Sie hatte das schöne Lächeln aufgelegt und mir schossen sofort wieder die Tränen in die Augen. Oh Gott wie schön sie war. Ich steckte schnell die Fotos ein und nahm das Buch in die Hand. Es war ihr Tagebuch.

Eigentlich las man es ja nicht aber ich tat es trotzdem. Keine Ahnung warum aber ich tat es einfach. Zielsicher schlug ich die letzte Seite auf.

"Ich habe endlich die Rettung aus meinem Scheißleben gefunden. Er heißt David und ich liebe ihn wie nichts Anderes auf der Welt. Er gibt mir Schutz und ich fühle mich so wohl bei ihm. Wenn ich irgendwann mal sterben muss dann nur in seinen Armen. Ich hab keine Angst mehr allein zu sein und mein Leben hat enlich einen Sinn bekommen. Vielleicht werde ich meine eigene Familie mit ihm gründen. Ich denke das ich einen Platz in seinem Herzen habe und er mich nicht im Stich läßt. Würde alles für ihn tun. Oh. Ich glaub er kommt nach Hause."

Ich laß mit mehreren Augenwischen den Text zu Ende und fing plötzlich und unerwartet an zu weinen. Ja sie hatte Recht. Sie starb verdammt nochmal in meinen Armen und ich habe sie in meinem Herzen. Genau das Herz was jetzt gerade einen gewaltigen Stich im inneren hatte. Das Buch ließ ich irgendwie fallen und schlug die Hände vors Gesicht um das schluchzen zu dämpfen. Es war nicht mehr auszuhalten.

Jetzt kamen die Worte zurück "Bitte steig aus... solange du noch raus kannst... tus für mich...und für Kevin."

Ihre Stimme hallte wieder durch meinen Kopf. Immer wieder und wieder. Ich nahm alles an Kraft zusammen was ich noch hatte und schlug ein letztes Mal das Buch auf. Dann nahm ich einen Stift und blätterte eine Seite weiter wo noch Platz war.

"Hier schreibt David. Ich weiß das ich dieses Buch nicht zu lesen und auch nichts darin zu schreiben habe. Es tut mir auch leid, selbst wenn du mir entrissen wurdest und es weder hören noch lesen kannst. Jenny du hattest in allen Punkten Recht. Du bist in meinen Armen gestorben und somit ist auch ein Teil von mir gestorben. Du warst seit 6 Jahren die erste Frau die mir zeigte das meine Gefühle nicht tot sind. Ich liebe dich und du wirst ewig in meinem Herzen weiterleben. Ich werde dich begleiten, egal wohin und ich werd dich niemals vergessen, solange ich lebe. Ich werde dir deinen letzten Wunsch erfüllen. Ich steige ab sofort aus diesen Geschäften aus. Für Dich und Kevin. Du wirst mir fehlen mein Engel, Ich Liebe Dich. Ruhe in Frieden."

Ich klappte das Buch zu und steckte es ein. Danach suchte ich meine Reisetasche und packte mir ein paar Klamotten ein. Gegen sieben Uhr verließ ich zum letzten Mal meine Wohnung. Ich fuhr mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu meinem Freund der sich um mein Auto kümmerte. Er hatte gerade seine Tore aufgemacht als ich ankam.

"Mein Gott wie siehst du denn aus ? Was is passiert ?" fragte er.

"Is ne verdammt lange Story. Später vielleicht. Kann ich für einen Tag hier bleiben ? " wollte ich wissen.

"Klar doch. Wenn du irgendwo hinmußt kannst du den alten Corsa da hinten nehmen. Dein Auto wird wohl erst morgen fertig. Kann ich sonst noch was für dich tun ? "

Ich nahm einen Zettel von seiner Werkbank und schrieb einen Satz auf.

"IN MEMORY OF JENNY & KEVIN" und darunter noch "R.I.P."

Dann gab ich ihm den Zettel in die Hand. Er schaute drauf und dann zu mir auf.

"Bitte in weiß aufs Heck." sagte ich nur.

Aufgrund des letzten Satzes fragte er nicht weiter nach wer die beiden waren.

"Mach mich gleich ran. Ist dann morgen trocken. Bezahlen brauchst du mir das nicht extra."

Ich reichte ihm mit festen Druck die Hand zum Dank. Dann fragte ich ihn nach den Schlüsseln für den Corsa, da ich nachdem ich einen Platz zum Schlafen hatte nur noch nach Rache für Jennys Tod suchte. Ich dachte mir schon das Ali etwas damit zu tun hat, aber hatte keine Beweise außer den Namen auf Jennys Stirn. Jemand mußte wissen wer Kevin umgelegt hatte. Und es war einer von Alis Leuten auf dem U-Bahnhof. Also würde ich mich an Ali rächen.

Den Rest werde ich dann abwarten. Ich machte mich auf den Weg. Unter meiner Jacke hatte ich meine Pistole im Halfter. Ich fuhr in den Park wo sich Ali oft aufhielt. Meist saß er dort einfach nur rum und sonnte sich. Ich fand ihn auch. Zielgerichtet ging ich in seine Richtung. Der Park war um diese Zeit leer und nur er war zu sehen. Dann sah ich seinen Bodyguard der schnell auf mich zukam. Ich lief langsamer und er stellte sich vor mich.

"Was willst du ? " fragte er mich.

"Von dir nichts." antwortete ich ihm und ging vorbei.

Das gefiel ihm gar nicht und er packte mich an der linken Schulter. Ich drehte mich um und er rechnete weder mit der Linken die ihm ins Gesicht flog noch mit der rechten Faust die ihm den Kieferknochen zersplitterte. Er ging zu Boden und hielt sich seinen Unterkiefer. Zufrieden ging ich weiter auf Ali zu. Kurz vor ihm zog ich die Waffe. Er hatte seine wohl vergessen oder sie lag in seinem Auto. Es war mir egal. Ich hielt die Kanone in die Höhe seiner Stirn.

"Schönen Gruß von Jenny."

Überrascht starrte er mit offenem Mund und dann knallte ein Schuß durch den Morgen. Ich hatte ihm mitten in die Stirn geschossen. Das Blut spritzte zwar aber nicht bis zu mir rüber. Er sackte zusammen und fiel mit dem Gesicht in den Dreck. Es war eine Wohltat diesen Wichser fallen zu sehen. Gott sei dank hatte keiner was gesehen und ich rannte bis zum Auto was ich mehrere Straßen abseits geparkt hatte. Dort angekommen machte ich mich auf den Weg zu meinem Kumpel. Ich wollte erstmal richtig lange ausschlafen.

Das tat ich dann auch. Ich pennte satte dreizehn Stunden durch. Meine Träume konnte ich nicht deuten. Ich war eher wie tot. Mein Kumpel weckte mich nicht sondern wartete das ich von alleine wach wurde. Ich sah ihn mit verschlafenem Blick an und er stellte wortlos einen Kaffee auf den Tisch. Dann drehte er sich um und wollte gehen. Kurz vor der Tür blieb er stehen.

"Ach so. Dein Auto ist schon fertig. Und hat dein Auftauchen etwas mit dem vergifteten Mädchen zu tun ? Steht in der Zeitung."

"Sie war mein Engel und jemand hat sie mir genommen. Deshalb auch die Schrift."

"Und was nun ? Steigst du endlich aus und haust ab ?"

"Ja. Weiß zwar noch nicht wohin aber ich gehe auf jeden Fall."

"Na dann, viel Glück." sagte er schleißlich.

Ich trank den Kaffee in Ruhe aus und stand dann richtig auf. Ich legte meinem besten normal gebliebenen Freund das Geld für die Reperatur auf den Tisch und fuhr dann langsam aus der Halle. Er kam nochmals zum Auto und kniete sich daneben nieder.

"Und wo gehts hin ?"

"Keine Ahnung. Bleib erstmal in der Gegend hier."

"Bleib sauber und paß auf dich auf Alter."

Ich reichte ihm zum letzten Abschied die Hand. In Gedanken hoffte ich das sie ihn aus diesem dreckigem Spiel rauslassen das gerade begonnen hatte....

26.9.09 00:55


Mein Buch PART 4

Kapitel 2

In den nächsten Tagen hielt ich mich am Rand von Berlin auf. Meine Nächte waren beschissen und die Tage genauso was aus dem wenigen Schlaf resultierte den ich bekam. Mit jeder Minute die ich einschlief hatte ich den selben Traum. Ich sah den Hergang wie Jenny starb. Mein Kopf zeigte mir die Bilder wie es passiert sein könnte.

Ihre Schreie nach mir und die voller Schmerzen dröhnten jede Nacht durch meinen Kopf. Und ich sah die Bilder wie sie gefesselt wurde und wie ihr eine verschwommene Person die Worte in die Stirn ritzte. Sie schrie noch lauter vor Schmerzen als dies passierte. Ich stand wie hinter einer Glaswand davor und konnte nichts tun. Schreiend und gegen meine Barriere hämmernd mußte ich Alles mit ansehen. Ich hatte insgesamt in drei Nächten den selben Traum. Jedes Mal wachte ich an der Stelle auf als die Spritze in Jennys Arm gestochen wurde. Mit dem Schrei der aus ihrer Kehle kam wachte ich auf.

Mein Auto stand am Wannsee auf dem Parkplatz. Das war meiner Meinung nach weit genug weg vom Kern der Gewalt. Wieder einmal wurde es hell nachdem ich mich selbst wach geschrien hatte. Langsam öffnete ich die Tür und stieg aus. Ich wollte erstmal zum Strand runter um mich etwas abzuregen.

Meine Hände steckte ich in die Jackentasche, da es so früh am Morgen noch sehr kühl war. Plötzlich spürte ich in meiner Tasche die Tüte mit den kleinen Kugeln. Ich schüttete den Inhalt auf meine Hand und schaute auf die vielen kleinen Kugeln runter. In meinem Kopf ging wieder Jennys Stimme umher.

"Nicht mehr lange...Ich reduziere schon seit einigen Wochen und nehme so schwer wie es ist nur noch zwei Kugeln am Tag." hörte ich ihre Worte erneut.

Wieder und wieder hörte ich sie sagen das sie Angst hat. Ich schloß die Augen und sah ihr Gesicht vor mir als wir uns auf dem Bahnhof das erste Mal küßten. Mein Körper zitterte wieder und ich zwang mich stehen zu bleiben. Mit einem Mal war das Bild vor meinen Augen weg und ich sah den Stuhl im Geist vor mir. Er war leer und das Seil baumelte hin und her. Ich öffnete erschrocken die Augen und schaute auf meine Hand die zur Faust geballt war. Langsam öffnete ich die Hand und sah die Kugeln mit dem Heroin.

Jetzt oder nie dachte ich und holte tief Luft. Mit einem lauten Schrei schmiß ich die ganzen Kugeln in hohem Bogen in den See. Ich schrie solange bis mir die Luft wegblieb und ich mit den Knien in den Sand klatschte. Ich fing schon wieder an zu weinen. Das war in diesen Tagen bestimmt zum hundertsten Mal das mir die Tränen kamen. Es war als ob ich einen jahrelangen Freund verloren hatte. In meiner Hosentasche spürte ich den Vibrationsalarm meines Handys. Ich wollte es ignorieren aber ich bekam die Stimme von ihr nicht aus dem Sinn das ich es beenden soll. Langsam zog ich das Telefon aus der Tasche und schaute auf den Display. Es zeigte Mo´s Nummer an und ich beendete den ganzen Kreis mit der Sekunde als ich seinen Anruf annahm.

"Sag mal hast du sie noch alle ? Wo bist du ? " schrie er ins Telefon.

Ich hatte den Willen es zu beenden und ich tat es auch. Unbeeindruckt von seinem Geschrei sagte ich nur einen Satz.

"Such dir einen anderen Deppen der dir den Arsch leckt."

Ich wartete seine Antwort nicht ab sondern ich schmiß das Handy den Drogen hinterher. Mit einem lauten Klatschen landete es im See. Jetzt hatte ich den Anfang gelegt mein altes Leben zu verlassen. Und dies war genau der Zeitpunkt das die Stimme in meinem Kopf aufhörte. Es war aber auch der Zeitpunkt an dem ich wußte das ich gejagt wurde.

Er würde sich so was nicht gefallen lassen und nach mir suchen. Und um mich zu finden würde er alle Hebel in Bewegung setzen. Es ist nur eine Frage der Zeit an der ich ihm oder einem seiner Jungs begegnen würde. Es lag aber in meiner Hand diese Zeit rauszuzögern. Ich wollte mich nicht unterkriegen lassen. Im Gedanken war ich bereit durch die Hölle zu gehen und jeden der mich daran hindern wollte aus dem Weg zu räumen. Irgendwie plante ich bereits einen kleinen Krieg gegen Mo und seine Halbaffen.

Warscheinlich würde ich die Stadt verlassen aber ich hatte vorher noch einiges zu klären. Ich wollte in erster Linie eine anständige Beerdigung für Jenny. Dazu machte ich mich auf den Weg zum Krankenhaus.

Es dauerte ne ganze Weile bis ich da ankam und irgendwie hatte ich ein wenig Panik davor diesen Ort nochmals zu betreten. Aber ich nahm meinen Mut zusammen und tat es einfach. Nachdem ich die Notaufnahme betreten hatte ging ich zur Schwester und fragte nach dem Arzt. Sie rief nach ihm und aus einem Hinterzimmer kam er angelaufen. Er sah mich ernst an weil ich warscheinlich schrecklicher aussah als jemals zuvor. Seit Tagen wußte ich nicht wo mir der Kopf steht und mein Schlaf war weniger als nichts. Wenn ich mich nicht irrte waren es schon vier Tage die ich mit meinem Kopf kämpfte.

"Wie geht es Ihnen ?" wollte er wissen.

"Wie soll es jemandem gehen der seit Tagen keinen richtigen Schlaf finden kann und sich mit schlechten Träumen plagt. " antwortete ich.

Er bat mich in sein Büro und zeigte auf den Stuhl. Ich setzte mich hin und sah ihn an. Noch immer sah er besorgt aus und zog sich Jennys Krankenakte vor.

"Also. Wir haben soweit alles klären können. Den Namen und die letzte Meldeadresse haben wir rausgefunden. Es gibt allerdings Probleme. "

"Und um welche Probleme handelt es sich konkret ?"

"Es geht darum sie zu beerdigen. Wir haben zwar die Eltern erreicht aber der Vater lehnte es ab sich darum zu kümmern."

Ich sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. Wie er den Begriff Vater ausdrückte sagte mir schon eine Menge über den Kerl aus.

"Lassen sie mich raten. Er is ein Arsch. Hab ich Recht ?"

Ein kurzes Grinsen konnte er sich nicht verkneifen. Danach wurde er sofort wieder ernst.

"Kann man so sagen. "

Er nahm einen Zettel vom Notizblock und schrieb etwas auf. Dann schaute er vorsichtig durch den Türspalt hinaus auf den Flur. Die Schwester fegte gerade vorbei und er schob mir langsam den Zettel zu nachdem sie aus dem Blickfeld war.

"Ich darf es zwar nicht aber hier ist die Adresse. Versuchen Sie als ihr Freund doch ihr Glück."

Schnell steckte ich den Zettel ein ohne vorher draufzusehen. Schwerfällig stand ich auf und der Arzt tat das Selbe. Ich reichte ihm die Hand und drückte sie kräftig.

"Ich danke Ihnen nochmal für Ihre Mühe. Um die Beerdigung werde ich mich selbst kümmern. Wann wäre es denn ungefähr möglich ?"

"Nun ich denke das sie es so schnell wie möglich machen sollten."

"Alles klar. Ich geb mein Bestes. " sagte ich und ließ seine Hand los.

Ich ging hinaus und sah dann erst vor der Eingangstür auf den Zettel. Es stand eine Adresse außerhalb von Berlin drauf. Genauer genommen war die Adresse in Wildau.

Ich stieg in mein Auto ein und machte mich auf den Weg dorthin, ohne nur im Geringsten zu ahnen was mich dort erwartete. Aber der Aussage des Arztes nach war ich auf alles eingestellt. Über die Autobahn gelangte ich bedeutend schneller am Ziel an. Zwar mußte ich mich nach dem Haus noch durchfragen aber als ich den Familiennamen Delang erwähnte verdrehten einige Leute die Augen aber sie erklärten mir wie ich da hin komme.

Die Reaktion der Bewohner sagte mir das der Arzt wohl recht hatte mit seiner Einschätzung der Familie. Natürlich wußte ich nicht ob die ganze Familie so schrecklich war oder nur der Vater. Ich fuhr langsam in die Straße hinein. Als ich vor das Haus kam dachte ich das mich ein Schlag trifft.

Der Vorgarten lag voll mit Müll und leeren Bierflaschen. Ich dachte mir meinen Teil und stieg aus meinem Auto aus. Langsam ging ich auf die Tür zu. Die Klingel war vollkommen zerstört also klopfte ich an die Tür. Nichts passierte. Nochmals hämmerte ich dagegen und dann hörte ich endlich ein Schließen. Die Tür öffnete sich und eine ungefähr vierzig jährige Frau stand vor mir. Ich sah sie von oben bis unten an. Sie sah aus wie Jenny. Die selben schwarzen Haare, die Augen und auch das Gesicht waren identisch. Man erkannte deutlich das es die Mutter war. Nur zwei Unterschiede waren zu erkennen. Sie war bei weitem älter und hatte am Arm unzählige blaue Flecke. Den Rest wollte ich lieber nicht sehen. Nun wußte ich das die Abneigung gegen die Familie wohl eher vom Mann ausgehen mußte.

"Frau Delang ? " fragte ich um überhaupt irgend etwas zu sagen.

Sie sah mich mit einem recht traurigen Blick an.

"Ja ? Was wollen Sie ? "

"Ich heiße David Stahnke. Ich bin der Freund Ihrer Tochter. " eine kuze Pause meinerseits entstand. "gewesen"

"Und ?"

In ihrem Blick sah ich das sie den Tränen nahe war aber es irgendwie schaffte sich zusammen zu reißen.

"Nun ich bin hier um erstens ihre Familie kennenzulernen und mich nochmal zu erkundigen wie es mit der Beerdigung laufen soll. "

"Nun die Nachricht hatte ich schon gehört und wissen Sie was ? Ich bin froh das Jenny es endlich geschafft hat. Jetzt hat sie endlich Ruhe vor... . "

Sie verstummte plötzlich als ihr Mann durch das Gartentor kam. Man sah es ihm an das er vollkommen betrunken war. Er hatte zwar noch einen sicheren Gang aber der Blick verriet mehr.

Er hatte eine Jogginghose und ein vollkommen verdrecktes Achselshirt an. Nun stand er vor mir und sah mich mit böser Miene an.

"Ich bin David Stahnke, der ... " fing ich an.

"Wegen meiner Tochter ? " fragte er zornig.

Ich brachte in diesem Moment kein Wort heraus sondern nickte nur. Seine Miene wurde noch aufgeregter.

"Du raus hier und du gehst sofort rein. Wir werden das gleich besprechen." schrie er wobei die letzten Worte seiner Frau galten.

Mit einer unsanften Methode forderte er mich auf zu gehen. Er schubste mich in Richtung Gartentor. Seine Frau verschwand wie er es sagte im Haus. Irgendwie wiederte der Typ mich an.

"Hey. Paß auf was du machst du Penner. " stauchte ich ihn zusammen.

Er schubste mich nochmal und ich lief automatisch schneller in Richtung Ausgang.

"Was war das ? Raus hier. Sonst knallts. " schrie er.

Wieder schob er mich ein Stück weiter. Normalerweise hätte es sofort geklatscht aber ich sprach eine letzte Warnung aus.

"Alter fass mich nicht an du Wichser."

Er überlegte es sich erstaunlicherweise anders und ging in Richtung Tür. Kurz davor drehte er sich mit erhobener Faust um und schrie mir nach das ich mich hier nicht mehr blicken lassen solle. Dann verschwand er im Haus und knallte die Tür zu.

Kurz darauf hörte ich drinnen einen Frauenschrei und es klatschte wie eine Ohrfeige. Schnell rannte ich zur Tür und trat mit dem Fuß dagegen. Drinnen flehte seine Frau das er aufhören soll. Aber es knallte nochmals. Ich trat nochmal kräftig zu wobei sich die Tür mit einem lauten Knall öffnete. Erschrocken sah er zu mir und stand mit erhobener Hand da. Jennys Mutter blutete aus der Nase und hatte eine aufgeplatzte Lippe. Ich sah zu ihr runter und danach ihn an. Nochmals sah ich zu ihr.

"Geht es einigermaßen ? " fragte ich sie.

Nur mit einem Nicken antwortete sie. Zwar vorsichtig aber er schien nicht ganz so doll getroffen zu haben wie es aussah. Langsam drehte ich den Kopf zu ihm zurück. Innerlich brodelte ein Vulkan in mir und es war nun an der Zeit das er ausbrach. Er starrte mich an als ob ich irgendwie ein Monster wäre.

"Warum suchst du Schlappschwanz dir nicht ein gleichstarkes Opfer ? Komm schon, Arschloch. Einen Schlag hast du frei. " sagte ich langsam.

Er kam auf mich zu und gab mir eine Schelle mit der flachen Hand. Das war zwar eine ganz billige Art, die ich persönlich nicht so genutzt hätte, aber er hatte es ja so gewollt.

"Das war ein Fehler. Ich sagte eigentlich das du mich nicht anfassen sollst, oder irre ich mich ? "

Ohne eine weitere Vorwarnung bekam er meine rechte Faust mitten ins Gesicht. Er verlor die Bodenhaftung und segelte nach links in die kleine Küche wo er im Fallen die Tischdecke mitnahm. Ich sah zu Jennys Mutter hinunter die völlig verstört auf dem Fußboden hockte.

"Sie sollten sich ein paar Sachen zusammenpacken wenn sie das hier beenden wollen. " riet ich ihr.

Als ob sie schon ihr Leben lang auf diesen Moment gewartet hatte setzte sie sich in Bewegung. Das verlief schneller als ich dachte das sie aufstand und die Treppe nach oben ging.

In der Küche hörte ich ein Stöhnen und dann ein metallisches Klirren. Langsam wie ein Zombie kam er mit einem Messer auf mich zu. Er hatte eine gewaltige Beule im Gesicht die schon blau anlief. Wild um sich schlagend traf er mich auch mit dem Messer als ich einen Schritt zu langsam war. Ich hörte den Stoff meines Shirts reißen und ein plötzlicher brennender Schmerz setzte kurz darauf ein. Der Kerl hörte nicht auf wie ein Wilder das Messer zu schwingen.

Ich stand auf der Türschwelle und wußte nur noch einen Ausweg. Mit voller Wucht trat ich ihm in den Unterlaib. Das Messer ließ er sofort fallen und beugte sich mit den Händen am Gemächt nach unten. Jetzt brannte mir mal richtig die Sicherung durch. Links, rechts, links, rechts. Ich prügelte abwechselnd mit beiden Fäusten auf ihn ein. Es war mir egal was ich traf. Die Hauptsache war das er es war. Ich war vollkommen im Blutrausch.

Mit einem kraftvollem Ruck riss ich ihm das Shirt auf und warf ihn damit in den Vorgarten. Schnell machte ich meinen Gürtel locker und legte ihn doppelt. Er lag auf dem Bauch vor mir und ich machte meinem ganzen Hass auf diese Wichser Luft. Mit einem weiten Ausholen ließ ich den Gürtel auf seinen nackten Rücken niederschnellen. Ein lauter Schrei ertönte und mischte sich mit dem Klatschen des Leders auf seiner Haut.

"Wie macht Vati wenn er nach Hause kommt ? " verhöhnte ich ihn.

Und wieder ließ ich den Gürtel auf ihn niederprasseln. Nach drei weiteren Hieben sah ich am Gartenzaun eine Nachbarin stehen die zuerst erschrocken zusah. Dann grinste sie und zeigte einen Daumen nach oben. Ich konnte trotz meiner Wut das Grinsen erwiedern. Sie ging wieder zurück und ich sah wieder zu ihm hinab. Mehrere rote Striemen hatte er bereits auf dem Rücken. Meinen Schmerz durch den Schnitt hatte ich völlig vergessen. Ich sah nur noch ihn vor mir und wollte ihm so viele Schmerzen wie möglich zufügen.

"Was ? Du warst böse zu Vati ? "

Der nächste Hieb erging über ihn. Danach hatte ich genug. Ich legte den Gürtel wieder an und drehte mich zur Tür. Jennys Mutter stand stumm da und schaute auf ihren Mann. Nur Gott allein weiß wie lange sie dort schon stand. Sie setzte sich in Bewegung und ging eiskalt ohne auf ihn zu sehen an ihm vorbei. Am Tor stellte sie die beiden Reisetaschen ab und drehte sich nochmal um. Mit zielsicheren Schritten ging sie auf ihn zu. Aus seiner Hosentasche zog sie die Geldbörse und öffnete sie.

"Soweit ich weiß verdiene ich hier das Geld. " sagte sie ohne zu wissen ob er überhaupt etwas verstand.

Mit schnellen Griffen zog sie das Geld und eine EC Karte heraus. Sie steckte es ein und warf ihm den Rest vor den Kopf wie man einem Hund ein Stück Fleisch hinschmeißt. Dann drehte sie sich weg von ihm und wollte gehen. Als ob ihr gerade die Idee kam machte sie nochmal kehrt und hockte sich vor ihm hin.

"Und zum Rest sag ich nur das ich es wie meine Tochter mache. Ich verzieh mich. " sagte sie sehr deutlich.

Auch ich hatte nicht die geringste Ahnung ob er etwas mitbekam aber ich fand ihren Auftritt sehr stark. Schnell stand sie auf und sah mich an.

"Los. Fahren wir. Ich kann das hier nicht mehr sehen. " sagte sie und ging zum Gartentor hinaus.

Ich folgte ihr und sah nicht einmal zu ihm zurück. Der Typ würde erstmal mit sich selber beschäftigt sein wenn er wieder aufwachte. Jennys Mutter stand bereits mit den Taschen am Kofferraum und wartete ungeduldig. Mit einem Knopfdruck entriegelte ich das Schloß und die Klappe öffnete sich. Ich öffnete ihr bereits die Tür damit sie einsteigen konnte. Mit Schwung warf sie das Gepäck rein und ging auf die Beifahrertür zu als die Nachbarin plötzlich angerannt kam. Sie hielt etwas in der Hand.

"Frau Delang ? Warten sie kurz. " rief sie.

Jennys Mutter drehte sich schnell um und ihre Haare schlugen mir dabei ins Gesicht. Sogar ihr Haar roch wie das von Jenny. Hätte ich sie nicht sterben sehen dann hätte ich gedacht das sie vor mir steht. Im meinem Herzen hatte ich ein unwohles Gefühl und die ersten Erinnerungen kamen langsam wieder hoch.

"Ich wollte es Ihnen persönlich geben. " verkündete die Nachbarin leise.

Sie gab Jennys Mutter eine Karte in die Hand. Über ihre Schulter hinweg sah ich das es eine Beileidskarte war. Langsam klappte sie sie auf. Im Inneren waren ein paar Zeilen geschrieben, die ich nicht lesen konnte und ehrlich gesagt auch nicht lesen wollte. Desweiteren klemmte an der linken Seite ein fünfzig Euro Schein. Ich sah und ich hörte es sogar das eine große Träne auf die Karte fiel. Sofort traf mich die Erinnerung an die Pizzeria wie ein Blitz. Ein tiefes Stechen in meinem Herzen verursachte Übelkeit. Ich drehte den Kopf weg und sah zu ihrem Mann rüber.

Ich versuchte mich irgendwie zu beruhigen. Irgendwie hatte ich den Wunsch noch etwas auf ihn einzuprügeln aber das würde er eh nicht merken also verdrängte ich den Gedanken schnell wieder. Ich sah in den Himmel hinauf und versuchte mit Zwinkern die Tränen etwas zu kontrollieren die wieder aus meinen Augen kommen wolten. Mit sehr viel Anstrengung schaffte ich es mich einigermaßen zu beruhigen. Mehrmals und unter Schmerzen schluckte ich den Kloß im Hals runter. Jetzt machte sich zum krönenden Abschluß auch noch die Wunde bemerkbar die mich mit einem Brennen ans Vorhandensein erinnerte.

Ich sah auf meinen Brustkorb und zog das zerrissene Shirt etwas auseinander. Es hatte aufgehört zu bluten aber es brannte gerade wie Feuer. Es war mir eigentlich eine willkommene Ablenkung das ich eine kleine Wunde hatte. Nachdem ich mich davon überzeugt hatte das es mir eigentlich doch noch gut geht sah ich wieder zu den beiden Frauen. Jennys Mutter gab gerade den Geldschein in die Hände der Nachbarin zurück.

"Das brauche ich nicht. Ihr Beileid genügt mir. Danke. "

Ihre Stimme klang sehr den Tränen nahe. Dann machte die Nachbarin etwas das ich nicht erwartet hätte. Sie nahm die Hand von Jennys Mutter genau auf die Art und Weise wie ich Jennys an diesem Abend hielt. Dieser Anblick traf mich wie ein Schlag und anders als sonst kam weder das Rauschen in den Ohren noch der Tunnelblick.

"Oh Shit. " waren meine letzten Worte.

Es war eher wie der schnellste schwarze Vorhang den ich jemals sah. Eine kurze Drehung im Kopf und ich fiel um. Nichtmal den Aufschlag auf den Boden bekam ich mit. Keine Ahnung wie lange ich weg war aber als ich wach wurde hockten beide Frauen neben mir. Nur mit Mühe kam ich zurück aus der Dunkelheit die mich umhüllte. Die Stimmen hallten lange nach und ich konnte keinen Satz richtig verstehen. Aber nach einer Weile setzte das Gehör auch wieder ein.

"Alles OK ? " fragte mich Jennys Mutter.

Zuerst brachte ich nicht mehr als ein Nicken zustande. Es war noch alles etwas verschwommen und drehte sich leicht. Die Nachbarin schaute mich eine Weile an.

"Ihnen möcht ich auch danken das sie dem Typen mal gezeigt haben was ne Harke ist. " sagte sie langsam.

Zwar verstand ich es aber ich war noch nicht in der Lage zu antworten. Zustimmend brachte ich ein Hmm heraus. Mehr war in meinem Zustand nicht drin.

"Wer is das eigentlich ? " wollte sie wissen. "Er war der Freund meiner Tochter. " gab Jennys Mutter die Antwort für mich.

Die Nachbarin sah mich wieder an. Langsam hörte ich auf Karussell zu fahren und kam wieder zu Verstand. Ich erwiederte ihren Blick aber wollte eigentlich ihre roten Augen nicht sehen.

"Tut mir leid was Sie durchmachen mußten. Ich bedauere den Verlust zu tiefst. " sagte sie und senkte nach diesem Satz den Kopf.

Eine Geste die mich dazu bewegte mich endlich aufzuraffen und dort zu verschwinden. Leichter gesagt als getan. Meine Knie waren noch immer sehr weich und ich kam einfach nicht hoch. Es war mir verdammt peinlich in meinem Alter nicht aufstehen zu können. Um erstmal überhaupt zu schauen ob ich noch sprechen kann versuchte ich erstmal auf ihren letzten Satz eine Antwort zu finden.

"Ist schon gut. Danke. Ähm. Kann mir vielleicht jemand aufhelfen ?"

Mann war mir das peinlich. Denke das sich das niemand vorstellen kann. Wenigstens waren wir allein auf der Straße. Und vor allen Dingen war hier niemand der mich kannte. Die beiden Frauen hatten reichlich zu tun mich aufzurichten. Vorsichtig stellten sie mich an den Gartenzaun so das ich mich an die aufrechte Haltung gewöhnen konnte. Es dauerte auch nicht allzu lange bis das Zittern endlich verschwand.

Sehr langsam machte ich einen Schritt nach vorn um es auszuprobieren ob es wirklich geht. Ich atmete tief ein und aus. Es war überstanden. Was ich in den letzten Tagen an Schwächeanfällen hatte war langsam aber sicher nicht normal. Meine Gedanken gingen in die Richtung das ich wirklich langsam zu alt wurde.

"Danke. " sagte ich schließlich als ich wieder komplett da war.

Die Nachbarin reichte mir die Hand. Ich nahm sie an und sah ihr ins Gesicht.

"Es sollte mehr Menschen wie sie geben. Dann hätten solche Typen wie der keine Chance mehr. " sagte sie und deutete in die Richtung des noch immer abwesenden Mannes.

Ich brachte ein leichtes Lächeln über die Lippen. Diesmal hatte ich die Koordination zwischen Hirn und Mund unter Kontrolle. Ich dachte nur

"Wenn du meine Vergangenheit kennen würdest dann wärst du anderer Meinung.".

Wir stiegen nach dem Händedruck und einer gegenseitigen Umarmung der Frauen ein. Ich schnallte mich an und sah dabei zu Jennys Mutter. Unsere Blicke trafen sich und sie lächelte etwas verlegen. So viele Punkte waren gleich zwischen ihr und Jenny. Das selbe Lächeln dachte ich mir. Und diese Augen. Sie waren zwar vom Weinen sehr rot aber sie waren identisch mit den Augen die ich seit Tagen vermisste.

"Danke. " sagte sie leise. "Kein Problem. "

Das war alles an Worten die wir für ungefähr fünfzehn Minuten wechselten. Während der Fahrt starrte sie nur in die Leere. Ich sah es im Blickwinkel. Sie weinte nicht aber ihr Blick war stur geradeaus gerichtet. Plötzlich brach sie wieder das Schweigen aber sah mich dabei nicht an.

"Wo bringst du mich hin ? " wollte sie wissen.

"Ins Frauenhaus. Da bist du sicher. Oh. Sorry. Sie natürlich."

Jetzt löste sie den sturen Blick und sah mich von der Seite an. Ein leichtes Grinsen war in ihrem Gesicht zu erkennen.

"Kannst ruhig du sagen."

Und das war es mit dem Reden für die nächsten Minuten wieder. Sie nahm die gleiche Haltung ein wie vorher und starrte wieder stumm durch die Windschutzscheibe. Nach ungefähr zehn Minuten sah sie mich von der Seite an. Ich war zwar auf den Verkehr konzentriert aber ich bemerkte es.

"Kann ich dich mal was fragen ? "

"Natürlich. " antwortete ich ihr.

"Kannst du mir meine Tochter mal beschreiben ? Ich hab sie über vier Jahre nicht gesehen. "

"Wenn du in den Spiegel schaust dann siehst du sie. " antwortete ich ohne zu überlegen ob ich es als Gedanke haben wollte.

Ich sah kurz zu ihr und sie sah mich fragend an. Diese Antwort hatte sie nicht erwartet und ich wollte sie eigentlich auch nicht geben. Schnell kramte ich in meiner Tasche und zog die Passbilder hervor. Ohne ein Wort reichte ich sie rüber und sie sah erst die Fotos an. Dann machte sie genau das was ich nicht erwartet hatte. Sie klappte die Sonnenblende runter und sah sich im Spiegel an.

"Du hast Recht. Darf ich eins davon haben ? " gestand sie schließlich und stellte ihre Frage eher vorsichtig.

Ich konnte nicht wirklich antworten da ich von dem was sie da gerade machte irgendwie beeindruckt war. Ich nickte nur langsam. Mein Kkopf war voll mit Dingen die ich irgendwo loswerden wollte. Im Herzen war ein Druck den ich irgendwie nicht auszuhalten schien. Immerhin hatte ich hier die Mutter eines wundervollen Mädchens neben mir sitzen die meiner Meinung nach berechtigt war die ganze Wahrheit zu erfahren.

Das Warum ihres Todes und wer ich wirklich war. Ich wußte bereits im Vorfeld das es mit aller Warscheinlichkeit hart wird sein Innerstes nach Außen zu tragen aber ich konnte mit der Last nicht umgehen die mich bedrückte.

Sie machte vorsichtig ein Foto ab und gab mir die restlichen drei zurück. Dann streichelte sie über das abgebildete Gesicht und gab dem Foto einen Kuss. Anschließend steckte sie es in ihre linke Hemdtasche.

"Sie ist hübsch geworden. Hm das obwohl sie soviel... " sie stoppte.

"Obwohl was ? " versuchte ich sie zurückzubringen.

"Ach nichts. Hab nur laut gedacht. "

Das kannte ich zu gut. Wenigstens noch jemand der das selbe Problem hatte das mich so oft schon besuchte.

"Hast du vielleicht noch etwas Zeit ? Ich muß dringend eine Menge Dinge loswerden und ich denke das ich es dir als ihre Mutter zuerst sagen sollte. Können wir vielleicht eine Runde spazieren gehen ? "

Jetzt war der große Korken geknallt und ich war soweit das ich sie in Alles was passiert war einweihen konnte. Sie wußte anhand meiner Gestik das es ernster war. Sie sah mich von der Seite an und ich drehte kurz den Kopf nach rechts. Das einzigste was sie tat war ein Nicken mit dem Kopf.

Ich fuhr auf einen Feldweg und stellte das Auto ab. Langsam drehte ich den Zündschlüssel rum. Dann trafen sich unsere Blicke wieder einmal. Ich sah das sie ziemlich unruhig war. Fast hatte ich das Gefühl das ich ihr Herz schlagen hören konnte. Natürlich kann es auch mein Eigenes gewesen sein, da es mir im Moment nicht besser ging.

"Gehen wir ein Stück ? " fragte ich sie.

Nach meiner Frage löste sie den Blickkontakt und öffnete die Tür. Sie stieg aus und blieb vom Auto stehen. Auch ich bewegte mich aus dem Auto. Langsam gingen wir den Feldweg entlang.

"Also als ich Jenny kennenlernte, was gerade mal vor einer Woche war, verteilte ich noch Drogen an die Straßendealer. Ich war eiskalt und gefühllos. " fing ich an.

Ihre Augen wurden größer und sie starrte mich wütend von der Seite an. Ich merkte ihren Blick und er traf mich wie ein Messerhieb. Es schmerzte seltsamerweise. Aber ich hatte auch keine andere Reaktion darauf erwartet. Sie holte bereits Luft.

"Moment. Lass mich bitte erst ausreden. " schlichtete ich bevor sie etwas sagen konnte.

"Gut. Dann mal weiter"

"Ich hab mich vor sechs Jahren darin verlaufen und man kommt da nicht einfach so raus. Es ist schwerer als sie denken. Zuletzt arbeitete ich für einen Drogenbaron aus Neukölln der vollkommen abgehoben ist. Dieser Typ hält sich für den Größten. Ihre Tochter habe ich an einem Abend in der U-Bahn angetroffen. Sie war abhängig aber wollte es ernsthaft beenden. "

Meine Erinnerungen an den Abend kamen wieder in meinen Kopf. Gegen meinen Schmerz ankämpfend versuchte ich mich nicht gehen zu lassen. Zielgerichtet versuchte ich meine Gedanken davon loszubekommen. Ich kämpfte mit den Tränen und verlor den Kampf. Sie bemerkte es und blieb stehen. Von der Seite sah sie mich an und ich versuchte ihrem Blick auszuweichen. Durchdringend starrte sie mich eine ganze Weile an und beobachtete meinen Versuch nicht zu weinen. Kläglich scheiterte ich und schlug die Hände vorm Gesicht zusammen.

"Oh mein Gott. " sagte ich leise und die nie endenden Flüsse der Tränen überkamen mich.

Sie fasste mich am Arm und brachte mich dazu sie anzusehen. In ihren Augen standen auch die Tränen. Sie konnte sich etwas besser kontrollieren als ich aber viel fehlte auch ihr nicht.

"Was ist passiert ? Warst du es ? Sag mir die Wahrheit. "

Ihre Stimme zitterte weinerlich.

"Nein. Ich meine nicht direkt. " antwortete ich schluchzend.

"Was soll das heißen ? Raus damit. Ich will es wissen."

Sie wechselte zu einem eher wütenden Zustand. Ich fühlte mich irgendwie in die Ecke gedrängt aber ich verstand auch ihre Gefühle. Wenn mir vor ein paar Wochen jemand gesagt hätte das ich Gefühle habe und welche verstehe dann hätte ich ihn ausgelacht. Aber so ist nun mal das Leben. Es kann alles von einem auf den anderen Moment anders sein. Dazu braucht es manchmal nicht viel.

"Es war die Rache eines Konkurrenten. Ich hab seinen Neuen Dealer in meiner Übermut vor eine Bahn gestoßen. Es war ein Unfall aber ich war trotzdem schuld daran. Er brachte Jenny um als Rache dafür das ich ihm etwas nahm. Verdammt was für ein Idiot ich bin. Ich fühle mich schuldig für ihren Tod. " erzählte ich mit mehreren Pausen dazwischen da ich noch immer mit dem Weinen beschäftigt war.

"Hör auf damit. Das bringt sie nicht zurück. " versuchte sie mich zu beruhigen obwohl sie selbst nicht mehr ertragen konnte.

Sie versuchte sich zu fangen und ich kann nur sagen das sie dies ein Weiteres mal, im Gegensatz zu mir, schaffte. ...

6.10.09 10:00


Mein Buch PART 5

"Wo ist der Kerl ? " kam kurz und knapp ihre Frage.

"Tod. Ich habe ihn getötet. "

"Schade. Das hätte ich jetzt auch zu gerne getan. Und nun ? "

Ich sah auf den Boden um vielleicht an diesem Anblick meinen Gefühlsausbruch etwas einzudämmen.

"Für mich bleibt nur eine Möglichkeit. Die Flucht von hier in der Hoffnung nicht gefunden zu werden. Wenn mich nur Einer in die Finger bekommt bin ich auch tot. "

"Warum das denn ? "

"Weil ich gekündigt habe. Ich habe dem Zeug den Rücken zugewandt."

"Warum. Ich denke das du so gefühllos und eiskalt bist. Was hat dich dann dazu gebracht es zu lassen ? "

In ihrem Ton bemerkte ich pure Verachtung. Ich konnte es verstehen da wegen mir ihre Tochter nicht mehr lebte. Wobei ich bezweifelte das sie sie jemals hätte gesehen. Wie ich es mitbekommen hatte waren es ja schon 4 Jahre die sie Jenny nicht gesehen hatte und aus eigener Kraft hätte sie es nie geschafft sich gegen ihren Mann durchzusetzen.

"Es war ihre Tochter die mir die Augen öffnete und es war ihr letzter Wunsch als sie in meinen Armen starb. "

Mit diesem Satz brach die Flut aus meinen Augen wieder aus. Ich hatte die Erinnerung an die Fahrt zum Krankenhaus. Vorm geistigen Auge sah ich ihre Hand fallen und ihren Körper wie er immer mehr nachgab. Das nächste Bild war die Trage an der ihr Arm runterhing und wie ein Pendel schwang.

Ohne noch ein Wort rauszubringen zog ich das Tagebuch aus der Tasche und gab es ihr in die Hand. Sie blätterte das Buch auf und ging auf die letzte Seite. Jetzt konnte sie die Tränen nicht mehr halten. In der einen Hand hielt sie das Buch und die Andere war schockiert auf ihrem Mund platziert. Die Tränen kamen Eine nach der Anderen. Ich weinte eh aber wenn ich es auch nicht getan hätte wäre jetzt der Zeitpunkt gewesen an dem es angefangen hätte. Sie las die Seite durch und ich blätterte ihr stumm die nächste auf in der ich meinen Text geschrieben hatte.

Auch hier änderte sich nicht viel an ihrer Haltung und es schien ihr auch irgendwie leid zu tun das sie so zu mir war. Ohne ein Wort zu sagen klappte sie es zu und sah mir mit weinenden Augen genau ins Gesicht. Ihr Mund öffnete und schloß sich. Mit aller Kraft versuchte sie die Trauer zu besiegen aber es war ein sehr harter Kampf dem sie sich dort stellen mußte. Langsam reichte sie mir das Buch zurück. Ich hielt es in der Hand und sah stumm darauf hinab.

"Entschuldige meine Wut aber die Trauer um sie ist zu stark so das ich mich nicht im Griff habe. Hast du sie wirklich so fest ins Herz geschlossen ? " entschuldigte sie sich weinend.

Wir schluchzten beide um die Wette.

"Ja. Jeden verdammten Tag und jede Nacht höre und sehe ich sie als ob sie real ist. Es ist einfach schrecklich. " gab ich als Antwort.

"Ich kenne es. Genau so ging es mir als sie vor vier Jahren weggelaufen ist. Alles lag daran das mein Mann ein Alkoholiker war und uns schlug. Er hat sie vergewaltigt schon seit sie klein war und ich konnte mich nicht wehren. Irgendwann fing sie an Drogen zu nehmen um den Schmerz zu ertragen den sie jeden Tag spüren mußte. Und eines Morgens war sie einfach weg. Ohne Brief und ohne ein Wort. Einfach weg. Lange Zeit machte ich mir auch Vorwürfe warum ich nicht mit ihr abgehauen bin. " ihre Fassung verlor sie während der Geschichte noch ein weiteres Mal.

Noch immer stand ich mit dem Buch in der Hand und spürte die Tränen kullern. Sie liefen mir in den Mundwinkel und ich schmeckte ihren salzigen Geschmack. Sie legte ihre Hand auf das Buch und schaute mich mit tränenunterlaufenen Augen an.

"Behalte es bei dir. Trage es immer bei dir und behalte meine Tochter in guter Erinnerung. Sie wacht nun von dort oben über dich. " sagte sie und deutete in Richtung Himmel.

"Ich glaube nicht an Gott. "

"Das spielt keine Rolle. Ich weiß das sie da ist. Sie hat dich heute zu mir geschickt um mich zu retten. Das kann kein Zufall sein das du mich aus meinem Leben geholt hast. Und es war sicher auch kein Zufall das Jenny dir begegnet ist und ihr euch gefunden habt. "

Ich hörte mit schwerem Herzen ihre Worte. Der Gedanke das sie mich von oben ansah brachte mich im Moment nur noch mehr zur Trauer. Sie sah mich und ich sie nicht. Eine Pause entstand und sie kramte in ihrer Hosentasche. Dann kam eine geschlossene Hand hervor und sie wollte mir etwas geben. Ich öffnete eine Hand und Jennys Mutter legte mir etwas hinein. Mit der anderen Hand schloß sie meine zu einer Faust so das ich selbst die Hand öffnen mußte um das zu sehen was sie mir gab.

Es war ein Ring an einer Kette. Ich drehte den Ring und entdeckte Jennys namen eingraviert an der Innenseite des Rings. Ich sah sie mit glasigen Augen an und legte den Kopf fragend zur Seite.

"Diesen Ring hab ich ihr zum fünfzehnten Geburtstag geschenkt. Ich möchte das du ihn trägst. Er war für mich immer ein Teil von ihr und nun möchte ich ihn dir geben um sie immer bei dir zu haben. Und noch was."

Sie griff sich an den Nacken und machte eine Kette vom Hals lose. Ich ging mit meinem Kopf näher an sie heran und sie legte mir eine Kette um. Ich schloß die Augen und mir lief ein Schauer über den Rücken als ihre kalten Hände meinen Nacken berührten. Abschließend gab sie mir einen freunschaftlich gemeinten Kuß auf die Stirn. Ich hatte die ganze Zeit über die Augen geschlossen und atmete langsam aus und ein. Als sie fertig war öffnete ich die Augen und sah verschwommen ein Kreuz an der Kette. Ich sah zu ihr auf. Sie schien eine innerliche Ruhe gefunden zu haben denn sie hatte ein etwas strahlenderes Gesicht.

"Auch wenn du nicht an Gott glaubst soll dich das Kreuz beschützen auf deinen Wegen. Du hast meiner Tochter ein schönes Leben geschenkt, auch wenn du nur kurz die Gelegenheit hattest aber sie wäre dir auf ewig treu und dankbar dafür gewesen. Ich weiß es da ich wie sie bin und ich dir auch aus tiefster Seele danke für das was du heute getan hast. " flüsterte sie.

Dann nahm sie mich fest in den Arm. Ich weinte sehr laut und ich versuchte die ganze Trauer mit einem Schlag rauszulassen. Es war aber so viel das ich sicher einen ganzen Tag brauchen würde bis ich fertig sein würde. Sie war der Trostspender den ich nie hatte. Sanft streichelte sie mir über sie Schulterblätter. Als ob ich ihr Sohn wäre tröstete sie mich.

"Ich glaub das ich nie wieder lieben kann. " sagte ich plötzlich.

Da war das alte Problem wieder einmal. Ich wollte es eher in Gedanken sagen. Sie löste die Umarmung und ließ beide Hände auf meinen Schultern liegen. Mit einem tiefen Blick sah sie in meine Augen und ich dachte wieder einmal das Jenny vor mir stand.

"Im Moment hat Jenny Schmerzen weil du leidest. Denke daran das sie dich sieht und mit dir fühlt. Sie wünscht sich dort oben nichts mehr als dich glücklich zu sehen. Jede vergossene Träne läßt sie leiden. Du sollst sie im Herzen tragen aber nicht aufhören dein Leben zu leben. Du wirst wieder lieben und sie wird es dich wissen lassen wenn sie glücklich ist. Versinke nicht in Trauer sondern blicke nach vorn. "

Ich versuchte mit einem tiefen Atemzug den Schmerz los zu werden aber es klappte nicht. Sie ließ die Hände sinken und trat einen Schritt zurück.

"Denk darüber nach. Du wirst es spüren wenn sie glücklich ist. Ich warte am Auto. " sagte sie und ging.

Nun stand ich wieder einmal allein da und mein Kopf war voll. Voll mit Gefühlen die ich nicht kontrollieren konnte. Ich weinte erneut und sah mit brennenden Augen zum Himmel wo sich eine dunkle Wolke vor die Sonne schob. Ein leichter Windstoß hauchte um mich und ich schloß die Augen. So stand ich eine ganze Weile da und der Wind frischte weiter auf.

Ich senkte den Kopf und sah auf den Ring in meiner Hand. Entschlossen legte ich die Kette um und küßte den Ring. Ich denke das mir das folgende so oder so keiner glaben wird aber ich habe es erlebt. Es scheint auch für ungläubige Menschen ab und zu Wunder zu geben.

Ich stand allein auf dem Feldweg und schloß nochmals die Augen den Kopf wieder in Richtung Himmel gerichtet.

"Oh Jenny. Ich vermisse dich. Gib mir Kraft es durchzuhalten." betete ich.

Dann passierte das was ich selbst nicht glaben würde wenn es mir jemand erzählen würde. Die Wolke ließ an einer Stelle die Sonne durch und sie fiel genau auf mich. Der Ring reflektierte die Strahlen und blendete mich als ich darau hinab sah. Es wurde in meinem Inneren plötzlich warm und es schien als ob es vom Ring ausging. Ich hatte das Gefühl als ob mich Jemand am Nacken berührte. Meine Tränen hörten auf zu laufen und ich stand nun mit gesenktem Kopf da. Plötzlich setzten die Stimmen wieder ein.

"Paß auf dich auf. " hörte ich sie sagen.

Diesmal antwortete ich und das nur weil dieses Gefühl da war das mich jemand am Nacken berührte. Es war aber niemand da.

"Das mache ich. Ich liebe dich mein Engel. Für immer. "

Nochmals war das Gefühl der Berührung da und zog sich wie ein Schauer meinen Rücken entlang. Ein sanfter Wind hauchte mir wie ein Kuss in mein Gesicht. Ich schloß die Augen als es passierte. Es fiel mir schwer mich von dem Ort zu lösen da ich irgendwie Jennys Anwesenheit spürte. Etwas erleichterter war ich schon aber es war als ob ich sie dort zurücklasse. Langsam erhob ich mich und sah ein letztes Mal zum Himmel hinauf. Ich hatte das Bedürfniss zu lächeln und tat es auch. Mit einem letzten Blick auf den Ring drehte ich mich in Richtung Auto um und ging.

Jennys Mutter saß auf der Motorhaube und lächelte mich an als ich auf sie zukam. Sie stand auf und ging zur Beifahrerseite. Mit einem Knopfdruck entriegelte ich die Türen und sie öffnete ihre. Ich stellte mich an die Fahrerseite und sah zu ihr rüber. Unsere Blicke trafen sich und sie lächelte mich erneut an. Im Gegensatz zu vorher sah sie glücklicher aus.

"Ich hab gerade... " fing ich an.

"Ich weiß. Hab es gespürt."

Mit großen Augen starrte ich sie an und bewegte mich nicht mehr. Mit der Hand am Griff stand ich da und sah ihr beim Einsteigen zu. Ein paar Sekunden dauerte es bis ich wieder regieren konnte. Ungläubig schüttelte ich den Kopf und nahm mir vor es dabei zu belassen. Langsam fuhr ich wieder los in Richtung Frauenhaus. Auf dem Feldweg war ich eher vorsichtig da das Auto sehr tief war und ich nicht wirklich etwas kaputt machen wollte.

Nach einiger Zeit kamen wir auch da an wo ich sie hinhaben wollte. In einer Nebenstraße lag ein riesiger Altbau. Hinter einem großen grauen Tor das irgendwie an ein Gefängniss erinnerte lag der sicherste Ort für Frauen die solche Sachen wie Jennys Mutter erlebt hatte hinter sich lassen wollten. Hier drin waren sie sicher vor den prügelnden Männern. Mit Kameras gesichert konnte niemand rein der ein Mann war. Ich kannte die Einrichtung auch nicht sonderlich gut, also konnte ich nichtmal sagen ob es auch sowas wie einen Wachschutz oder so etwas gab. Nur eins war mir wichtig. Das Jennys Mutter in Sicherheit war.

Als ich die Innenstadt erreichte hatte ich bereits einige Panikattacken. Mit leichtem Verfolgungswahn hatte ich zu kämpfen da es ein heißes Pflaster für einen Aussteiger war. Viele der Gesichter am Straßenrand kannte ich, obwohl ich bei einigen bezweifelte das sie mich erkennen würden. Aber das Risiko das sie es taten war mir zu groß um es auszutesten.

Ich hielt etwas abseits aber in der Nähe des Tors, damit sie die Taschen nicht so weit tragen muß. Wir stiegen aus und ich stellte die Taschen neben das Auto. Sie schrieb mir noch ihre Nummer auf einen Zettel und stellte sich dann vor mich hin.

"Die Nummer is ja toll aber ich hab noch kein Handy. " sagte ich zu ihr nachdem ich den Zettel angesehen hatte. "Muss mir ein neues holen weil ichs in dem See geworden habe. Aber ich schick dir dann meine Nummer zu. "

"Gut. Wann wird Jenny eigentlich beigesetzt ? "

"Dazu bin ich noch nicht gekommen aber ich werde mich kümmern das es so schnell wie möglich passiert. Wenn ich etwas weiß dann rufe ich dich an. Hole dich an dem Tag dann auch ab."

"Danke. Du hast heute wirklich eine gute Tat vollbracht. Ich wünsche dir das du deine Ziele erreichst und dich nicht aufhalten läßt."

Ich sah sie an und seltsamer Weise standen mir bei den Worten mal keine Tränen in den Augen. Sie reichte mir die Hand zum Abschied und nahm ihre Taschen. Langsam ging sie zum Tor und drehte sich davor nochmal zu mir um. Mein Blick war traurig und sie verdrehte die Augen. Mit einem gutmütigem Gesichtsausdruck kam sie zu mir zurück und legte mir die Hände auf die Schultern.

"Denk an meine Worte. Hör auf zu trauern. Sie wacht über dich. "

Dann gab sie mir noch einen Kuss auf die Stirn und ging wieder zurück. Stumm starrte ich ihr hinterher und wartete noch bis sich die schweren Tore hinter ihr schlossen. Jetzt war sie sicher. Und ich war zufrieden aber trotzdem traurig. Langsam stieg ich wieder ein.

Ich nahm Jennys Foto aus der Tasche und befestigte ein Schlüsselband daran. Dies hängte ich dann über den Rückspiegel. Einen kurzen Augenblick lang hielt ich es fest und streichelte mit dem Daumen darüber. Als ich mit meinen Gedanken wieder zurückkehrte startete ich den Motor und sah über die Schulter um keinen übern Haufen zu fahren. Mein Kopf drehte sich zurück und ich sah ein zweites Mal nach links weil mir etwas auffiel. Gegenüber stand ein alter Kombi mit zwei Typen am Steuer.

Einer machte die Geste das er mich umbringen will und ich sah ne ganze Weile hin. Ich realisierte im ersten Moment gar nicht das er ja eigentlich mich damit meinte. Ich fuhr schlagartig an und der Kombi drehte in einem Zug um mir hinterher zu kommen. Meine Panik hatte sich also nicht getäuscht. Ich war hier und es dauerte nicht lange bis mir jemand an dem Hintern klebt. Ich versuchte sie mit mehreren Seitenstraßen abzuhängen, aber der Verkehr ließ einen riskanten nicht zu. Ich mußte warten bis mehrere Spuren verfügbar waren um vielleicht in Schlangenlinien etwas zu erreichen.

Weiter versuchte ich es in den Gassen bis ich auf eine zweispurige Straße kam. Ich bog rechts ab und sah vor mir eine rote Ampel. Ich verriegelte die Türen und hielt an. Nun kam der nächste Moment an dem mich jeder normal denkende Mensch für verrückt erklärt, aber so viele Zufälle auf einem Haufen kann ich mir eigentlich nur mit meinem Schutzengel Jenny erklären. Konzentriert sah ich in den Rückspiegel aber in meinem Blickwinkel entdeckte ich einen Bekannten.

Neben mir stand Leon mit seinem Mustang. Er war gerade mit seinem Radio beschäftigt und sah mich nicht. Ich hupte und der erste Blick von ihm ging in Richtung Ampel. Dann sah er in den Rückspiegel und zuletzt in meine Richtung. Freundlich grinste er und hob die Hand. Seine Gestik änderte sich in fragend als er meinen Gesichtsausdruck sah.

Ich deutete in Richtung meiner Verfolger und schaffte es irgendwie ihm verständlich zu machen das ich gerade Ärger am Hals hatte. Er nickte und griff nach seinem Telefon. Ich hatte keinen Schimmer wen er gerade anrief aber er war sichtlich erfreut als er auflegte. Er zeigte einen Daumen hoch und deutete dann darauf immer geradeaus zu fahren. Das war in Richtung Autobahn. Toll dachte ich. Das wäre mir auch alleine eingefallen den Kombi dort loszuwerden. Die Ampel wurde grün und wir fuhren bis zur nächsten Roten. Ich hasste den Stadtverkehr, aber in diesem Moment war es ganz gut.

Leon hielt einen Zettel hoch auf dem er die Worte " RH AVUS " notiert hatte. Ich nickte und dann sah ich Leons Geste das er den Typen eine vors Maul geben will. Fragend schaute ich ihn an und machte ihm begreiflich das wir nur zu zweit waren. Er schüttelte den Kopf und zeigte vier Finger. Im Moment verstand ich erstmal nur Bahnhof. Aber er gab es erstmal auf mich weiter vom Verkehr abzuhalten. Nach ein paar weiteren Ampeln verbreiterte sich die Straße auf drei Spuren und der Kombi wollte mich überholen. Leider kamen auf der linken Spur bereits andere Autos und er konnte es nicht.

An mir zogen lautstark ein Golf, ein Civic und ein Astra vorbei. Auf den ersten Blick erkannte ich sie nicht. Der Golf wechselte vor Leon und der Civic fuhr vor mir. Einzig der Astra blieb links und zog mit den anderen Beiden gleich.

Aus dem Civic winkte mir eine Hand zu und jetzt klingelte es bei mir. Ich erkannte Sandra wieder und sah zu Leon der sich halb tot lachte. Dann deutete er mir das ich mal nach links schauen soll und zeigte nochmals seine vier Finger. Ich drehte den Kopf nach links und mit ernster Miene sah ich Dom in seinem Calibra neben mir fahren. Er blickte in den Rückspiegel und sah mich dann mit einem kurzem Nicken an. Sandra machte kurz die Warnblinkanlage zur Begrüßung an und ich blendete einmal kurz auf. In dieser Formation fuhren wir bis zur Autobahnauffahrt.

Ich ordnete mich mit vorherigem Blinken ein und Leon machte Platz. Auch Dom ließ sich zurückfallen das er hinter den Kombi kam. Es verlief alles nach Plan und wir fuhren in Richtung Rasthof. Ich fuhr nicht schnell, da ich diese Typen gerne mal gesprochen hätte. Und diese Vollidioten fielen auf die gestellte Falle rein.

Ich habs ja gesagt das dort nur angehende Profis zu finden waren. Nach kurzer Zeit tauchte die Abfahrt auf und auch hier blinkte ich rechtzeitig um sie zu locken. Wir fuhren geschlossen auf den Parkplatz ein. Meine drei Vordermänner parkten an der rechten Seite ein und ich blieb so stehen das genau hinter mir der Golf reinpaßte. Der Kombi blieb auch genau so stehen das der Plan den ich im Kopf hatte paßte. Im Rückspiegel schaute ich mir das ganze Spielchen an.

Der Beifahrer wollte aussteigen und Sandra fuhr zurück um ihm die Tür zu blockieren. Dann versuchte der Fahrer sein Glück aber mit einem lauten Quitschen kam Dom neben seiner Tür zum Stehen. Ich hörte den Kombi Gas geben und der Golf schnitt ihm die Flucht nach vorn ab. Ein lautes Gängeknirschen sagte viel über den Angstzustand des Fahrers aus. Aber mehr als dieses Knirschen kam nicht da das Geräusch von einem lauten aufheulenden Motor und qualmenden Reifen unterbrochen wurde.

Es war Leon der schräg von hinten an den Kombi schlitterte. Nun waren diese Typen eingekesselt. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen das ich meinen Wagen verließ. Langsam ging ich in die Richtung des Kombis und Dom stieg aus. Auch Leon verließ seinen Wagen und näherte sich von hinten. Sandra machte Platz und ich zog meine Waffe aus dem Halfter. Sie fuhr auf den Parkplatz und stieg aus. Dann knallte sie die Tür zu und lehnte sich mit verschränkten Armen ans Auto. Auch Dom hatte eine dabei, was mich eigentlich erstaunte. Aber in den harten Zeiten war es auch normal. Er hielt die Waffe auf den Fahrer und sah ihn die ganze Zeit an. Ich öffnete die Tür.

"Los raus. Aber langsam. " schrie ich den Beifahrer an und er gehorchte.

Langsam bewegte er sich nach draußen. Dom pfiff einmal kurz und schüttelte den Kopf in Richtung des Fahrers der seine Hand nach unten nehmen wollte. Schlagartig hatte er die Hand zurück am Lenkrad. Leon hatte es geschafft sich neben mich zu stellen. Er verschränkte die Arme und sah den Typen an als ob er ihm gleich an die Gurgel gehen wollte.

"Wo kommt ihr her ? " fragte ich forsch.

"Aus Berlin. "

Die Antwort paßte mir gar nicht. Und noch weniger paßte mir sein grinsen danach. Leon tippte mich von der Seite an.

"Sag mal haben die irgendwas mit dem Abend zu tun ? "

Seine Augen hatten einen wütenden Blick und er schien ein Ventil zu suchen um alles Angestaute mal rauszulassen.

"Keine Ahnung. Der Typ redet ja nich mit mir. Also würd ich jetzt mal vermuten das es so is. " antwortete ich ohne einen Blick von dem Kerl zu lassen.

Der Typ versuchte einen harten Kerl darzustellen und lehnte sich mit einem Achselzucken ans Auto. Leon stellte sich vor mich hin und sah mich an. Gleich war es soweit dachte ich.

"Ich denke mal das du recht hast. " sagte er leise zu mir und sein Blick erinnerte mich leicht an einen Irren.

Dann drehte er sich schnell um und schlug dem Typen die Faust mitten ins Gesicht. Plötzlich fiel ein Schuß und Dom brüllte nur "Hey".

Das reichte dem Typen im Auto die Hand wieder still zu halten. Ich sah zu Leon zurück. Der vorher noch so coole Junge hielt sich die Hand an die Nase.

"Hast du was damit zu tun das seine Freundin frauf geganen ist ? "

Als Leon diesen Satz aussprach sah ich im Blickwinkel das Sandra geschockt war. Sie hatte vielleicht von der Nacht erfahren aber dachte vielleicht nich daran das es um mich ging. Mit der Hand vorm offenen Mund starrte sie mich an. Ich hatte aber nicht das Bedürfniss darauf zu reagieren. Vorher wollte ich Antworten hören. Der Typ brachte kein Wort heraus.

Leon warf ihn zu Boden, da er sein Schweigen als eine Zustimmung deutete. Dann drehte er vollkommen durch. In gebückter Haltung stand er über ihm und gab ihm einen Schlag nach dem Anderen.

"Du weißt nicht was ich an dem Abend durch hab. " schrie er und mit jedem Wort prasselte seine Faust auf den am Boden liegenden nieder.

Als er sich nicht mehr rührte ließ er dann von ihm ab.

"Noch jemand ? " fragte er abschließend.

Ich mußte mir das Lachen verkneifen. Er hatte gewisse Ähnlichkeit mit einem tasmanischen Teufel, aber ich konnte seine Wut verstehen. Gerne hätte ich den Typen vors Maul gehauen aber Leon hatte es wohl nötiger. Er stand auf und gab ihm mit dem Wort "Wichser" noch einen Triff in die Rippen. Dann ging er zu seinem Auto und wartete dort. Laura und Sandra gingen zu ihm um ihn zu beruhigen. Laura legte den Arm um ihn. Sie schienen in der kurzen Zeit was angefangen zu haben. Aber das war ja nicht mein Problem. Ich hatte andere Absichten.

"Los raus da. " forderte ich den Fahrer auf.

Er gehorchte aufs Wort und stand zitternd vor mir.

"Is das auch son harter Kerl ? " fragte Leon aus dem Hintergrund und machte schonmal Lauras Arm von seiner Schulter.

Der Typ schaute ihn nervös an und zitterte mit der Lippe. Sah fast aus als ob er heulen wollte. Ich winkte Leon ab und er blieb für den Moment erstmal wo er war.

"Also entweder du redest oder ich frage ihn nochmal wie sein Abend gewesen is. "

"Bloß nicht. Ali. " stotterte er

"Was Ali ? "

"Er war bei dir. Ich hatte ja keine Ahnung was da oben los is. Er und Ali sind rauf und dann wieder runtergekommen. Ich hab nur das Auto gefahren. Ehrlich, Mann ich schwöre. "

"Auf deinen Schwur scheiß ich, Junkee. " antwortete ich ihm.

Er schluckte. Der Kerl machte sich fast in die Hosen aber er war kooperativ und das zählte im Augenblick. Ich hatte zumindest erstmal eine Antwort erhalten.

"Und wer hat euch auf mich angesetzt ? " hakte ich weiter nach.

"Mo. Er hat Alis Geschäfte übernommen weil ihn jemand umgelegt hat. Und er will deinen Kopf, da du ausgestiegen bist. "

"Eigentlich kann ich deine Fresse nicht mehr ertragen. Du wirst Mo etwas für mich ausrichten. "

Er brachte kein Wort heraus. Ich ging etwas näher an ihn heran.

"Mo soll mich in Ruhe lassen sonst ist er der nächste auf meiner Racheliste. Ich habe Ali umgelegt. " sagte ich ihm.

Er nickte und ich war mir ziemlich sicher ihn nicht mehr wiederzusehen. Ich drehte mich zu dem Typen am Boden um. Ich kochte innerlich. Dieser Wichser hat meine Jenny umgebracht. Dafür würde er leiden. Zwar wußte ich noch nicht wie aber es gab so viele Möglichkeiten. Mit Leons Hilfe setzten wir ihn auf und der Fahrer vom Golf kam mit einem langen Kabelbinder auf uns zu.

"Hier. Brauch ich oft bei der Kiste. " sagte er.

"Danke. "

Der Zweite sah mich an.

"Was hast du mit ihm vor ? " fragte er mich plötzlich.

"Das möchtest du nicht wirklich wissen. Eigentlich kannst du verschwinden. Aber deine Wumme die bleibt hier. "

Er tat was ich ihm sagte und legte ganz vorsichtig seine Waffe auf den Boden. Dann kroch er auf der Beifahrerseite ins Auto und startete den Motor. Der Golf fuhr wieder in die Lücke und machte ihm den Weg frei. Es ging sehr schnell das er sich verzog. Gefesselt saß sein Begleiter am Straßenrand. Noch immer war er benebelt von der Anzahl der Schläge die ihm Leon verpaßt hatte. Ich nutzte die Zeit um meine Helfer erstmal zu begrüßen.

Zuerst gab ich Sandra die Hand und sie sah mich traurig an. Dann umarmte sie mich fest.

"Das mit deiner Freundin tut mir leid. Hab ja nur mal wieder die Hälfte mitbekommen. " sagte sie.

Sie löste die Umarmung und stand dicht vor mir. Ein Windzug bließ mir ihr Deo ins Gesicht. Ich wußte was es bedeuten sollte. Da schien jemand zu entscheiden was gut für mich ist.

Ich ignorierte diese Geste aber und dachte mir nur "Gib mir etwas Zeit".

"Danke. Ich hab es mittlerweile gut unter Kontrolle. Ach so. Ich hab mich letztens nur mit meinem Spitznamen vorgestellt. Heiße eigentlich David."

"Nich so schlimm. "

Sie hatte wieder dieses seltsame verlegene Lächeln an sich. In diesem Moment beachtete ich es aber nicht sonderlich. Auch wenn von Oben etwas anderes erwünscht war. Wie Jennys Mutter schon sagte. Sie wollte mich glücklich sehen. Ich sah Leon an, der wieder runtergekommen war.

Er kam auf mich zu und er hatte Tränen in den Augen. Als ich das sah schoß auch mir das Wasser aus den Tränenkanälen. Wie einen alten Freund den er über mehrere Jahre nicht gesehen hatte nahm er mich in den Arm.

"Ich hab schon gedacht das du tot bist. Schön dich zu sehen. " wimmerte er leise in mein Ohr.

Dann ließ er mich los. Ich reichte Laura die Hand. Sie war eine Frau die nocht viele Worte verlor. So oft wie ich sie sah hatte sie sich kaum mal an Gesprächen beteiligt. Wenn dann nur sehr kurz und knapp. Aber mit Sandra konnte sie über Stunden reden.

Ich reichte Dom die Hand und selbst er hatte rötliche Augen aber er konnte sich beherrschen. Ich bedankte mich bei allen Anwesenden für die Hilfe und wurde dann von dem Klacken einer Sicherung unterbrochen. Ein Duft von verschmortem Kabel stieg auf und ein lautes Fluchen gesellte sich dazu. Es kam alles aus der Richtung des Golfs. Ich drehte meinen Blick in die Richtung.

"Chris. Nich schon wieder. " rief Dom in die Richtung.

Dann sah ich die Motorhaube aufgehen und er stieg aus. Der Fahrer ging vor und machte die Haube auf. Mit zielsicherem Blick und geübten Handgriffen machte er ein paar Sicherungen raus und überbrückte alles mit Draht. So wie ich das sah kannte er sich recht gut aus. Dom erklärte mir das das Auto was Chris fuhr eine Schande ist. Erstens war es ein Golf und das Ding hatte nur Macken.

"Wird Zeit für nen Autowechsel oder ne gute Werkstatt. " sagte ich zu Chris.

Er blickte kurz auf und grinste mich an.

"Ich kann alle Autos hier reparieren, außer mein eigenes Geschoß "

"Nenn das nich Geschoß. " sagte Leon.

Dann erzählte mir Chris das er heute eigentlich ein Handy loswerden wollte und sich dann aufm Schrottplatz nen Nissan Skyline holen wollte. Ihm fehlen noch zweihundert zum Auto. Den Rest hat er sich zusammengespart. Als ich das mit dem Handy hörte wurde ich an das erinnert was ich eigentlich noch machen wollte. Aber ich hatte noch mehr vor und der Junge war mir irgendwie sympatisch.

 "Also dein Handy nehm ich schonmal. Brauche ein Neues. Geb dir dreihundert dafür. "

Erstaunt sah er mich an und glaubte das ich scherze. Diesen Gedanken nahm ich ihm indem ich ihm das Geld zeigte. Sandra war irgendwie etwas überwältigt von meinem Angebot. Ich sah ihren Blick aber dachte mir nur meinen Teil dazu. Das war aber noch nicht Alles was ich wollte.

"Und kannst du dir mal kurz den BMW anschauen ? "

"Klar doch. Was is mit ihm "

"Dreh mal ne Runde. " sagte ich und hielt ihm den Schlüssel hin.

Er nahm ihn und ging rüber. Erstmal drehte er eine Runde ums Auto und staunte was alles drin und dran war.

"Nich schlecht. Hast sogar NOS drin." Sandra legte ein schiefes Grinsen auf und ich wußte warum.

"Ja ich war so geschockt. " sagte ich bevor sie fragen konnte.

Erschrocken sah sie mich an und ich erwiederte lächelnd ihren Blick. Dann stieg Chris ein und machte eine Probefahrt mit dem Auto. Sandra kam zu mir und stellte sich neben mich. Sie sah mich eine ganze Weile an und es war ihr irgendwie unangenehm.

"Was is denn los ? " fragte ich sie.

Wieder sah sie mich erschrocken an als ob sie sich fragte woher ich wußte das sie mich etwas fragen wollte aber sich nicht traute.

"Mich würde irgendwie interessieren wer dir sowas antut. " überwand sie die Barriere.

"Das is ne verdammt lange Geschichte. Das könnten wir vielleicht bei einem Abendessen klären."

"Ja das wäre nicht verkehrt. Wenn das jetz ne Einladung sein sollte dann wäre ich nicht abgeneigt. " sagte sie.

Im Schein der Laterne erkannte ich das sie sehr rot wurde und ich fand es noch genauso niedlich wie das erste Mal als ich sie traf. Wir verabredeten und fürs Wochenende und dann warteten wir auf Chris.

Nach einigen Minuten kam er dann auch zurück und stellte das Auto an der selben Stelle ab. Zufrieden stieg er aus und kam zu mir.

"Keine Ahnung was du hast. Läuft doch spitze."

"Gut das du zufrieden bist. Ich will dir ein Angebot machen. "

Er sah mich erstaunt an und sein Mund stand offen.

"Chris, Mund zu ! " rief Sandra hinter mir.

Er tat es auch nach Aufforderung.

"Wenn du mir hilfst den Skyline aufzubauen kriegst du die Kiste so wie sie da steht. Nur in einer anderen Farbe. Hab da jemanden der sowas macht. Also was is ? "

"Das is dein Ernst ? " fragte er.

"Wenn ich scherze siehts anders aus. "

Er war hin und weg. Mit einem Handschlag besiegelten wir den Deal. Ich sah in die Runde und entdeckte nur erstaunte Gesichter. Gleichgültig zuckte ich die Schultern. Ein ausgedehntes Schweigen machte sich breit.

"Tanke ? " fragte ich schließlich.

Irgendwie waren alle sprachlos und nickten nur. Der einzigste der sich dann doch noch zu Wort meldete war Leon.

"Jo. Ich brauch jetz n Bier. "

Langsam setzten wir uns in Bewegung um in die Autos zu kommen. Ich stand schon mit einem Bein drin als Leon nach mir rief.

"Was is mit dem ? " schrie er und deutete in Richtung des Gefesselten.

Ich verdrehte die Augen und machte mich zum gleichen Zeitpunkt wie Leon auf den Weg zu ihm. Er stand dann neben mir und sah mich an.

"Der is ja auch noch da. Hätt ich fast vergessen. " sagte ich.

Dann hoben wir ihn hoch. Er war schon einigermaßen aufnahmefähig aber sah schon sehr mitgenommen aus. Also wenn Leon etwas hatte dann war es Kraft. Er hielt ihn von hinten fest und ich stellte mich vor ihn.

"Für das was ihr mit Jenny gemacht habt sollte ich dich killen, aber ich bin nicht wie ihr. " sagte ich laut aber langsam damit er etwas verstand.

Dann gab ich ihm einen heftigen Hieb in den Magen und Leon ließ ihn in den Dreck fallen. Im Weggehen gab er ihm noch einen Tritt in die Rippe und sagte etwas das sich wie Drecksau anhörte. Ich konnte es aber nicht genau sagen und wollte nicht nachfragen. Als das erledigt war fuhren wir gemeinsam los.

Die Autobahn war leer und es war erstaunlich warm in dieser Nacht. Sandra und ich führten die Gruppe an. Sie hatte genau wie ich die Fenster unten und ich sah ein paar Mal rüber. Sie war ein hübsches Mädchen das dazu noch einiges drauf hatte. Mein Blick fiel auf Jennys Foto, das im Wind hin und her wackelte.

"Meinst du wirklich ? " fragte ich das Bild.

Eine Antwort bekam ich nicht aber Sandra hupte und schaltete plötzlich ihre Beleuchtung ein. Sie grinste frech rüber und kam ein Stück weiter rüber gefahren. Ich verstand was sie wollte und machte mein Licht auch an. Plötzlich zog Leon auf dem Standstreifen vorbei und wechselte immer über beide Spuren. Mit angeschalteter Warnblinkanlage wollte er uns ein Startzeichen geben. Ich schaltete einen Gang runter und ließ das Auto etwas langsamer werden. Im vierten Gang fuhr ich weiter und Leon gab die Spuren frei.

Sofort hatte ich den dritten Gang drin und gab Vollgas. Sandra zog mit dem Civic noch auf gleicher Linie. Fast zeitgleich schalteten wir einen Gang höher. Sie war hartnäckig. Auch zur selben Zeit zündete sie ihr NOS. Wieder einmal drückte mich die Wucht in den Sitz und ich schaffte es einfach nicht den Civic stehen zu lassen.

Ein greller roter Blitz von einem Metallgestell über der Autobahn beendete das Rennen. Wir hatten ein Unentschieden. Das hab ich noch nie erlebt das jemand zu zweit übers Ziel fuhr. Sie lachte. Ich konnte es nicht hören aber sehen. Auch ich lachte. Das war in den letzten Tagen eine Seltenheit aber sie schaffte es mich dazu zu bringen. Ich dachte in dem Moment an gar nichts. Ich hatte nur die Straße vor mir im Kopf.

Nach der Freude dachte ich an Jenny und daran was ihre Mutter sagte. Sie wird es mich spüren lassen wenn sie glücklich ist. Ich glaubte jedenfalls das ich es in den letzten Minuten war. Im Rückspiegel sah ich die Umrisse des Golfs auf dem Standstreifen anhalten. Sandra merkte es auch und machte die Geste eines Fotos. Verstanden hatte ich es nicht aber ich konnte mir denken das er den Film aus dem Blitzer holte. Wir fuhren an die altbekannte Tankstelle. Sauber parkten alle ein.

Nur Leon blieb an der Zapfsäule stehen.

"Der frißt mich nochmal auf. " sagte er als er ausstieg.

Ich fing an zu lachen und ging in die Tanke. Die Mädels warteten draussen und nachdem Leon die Pistole eingehängt hatte kam er zusammen mit Dom hinterher. Ich war so nett und zahlte seine Tankrechnung mit.

"Du hättest mir den BMW geben sollen. " sagte er.

Ich grinste ihn an. Er wußte was ich sagen wollte aber ich tat es nicht. Dom brachte das Bier an die Kasse. Die Kassiererin wollte grade abrechnen aber sie blieb in ihrer Bewegung stehen.

"Was los ? Eingepennt ? " fragte Dom frech.

"Nein. Sag mal. Wie lange kennst du mich schon ? "

"Lange genug um dich zum essen einzuladen. " mischte sich Leon ein.

Sie lächelte ihn schief an.

"Jetz mal im Ernst. Macht ihr das mal ? Hab keine Lust die Bullen wieder anzurufen. " sagte sie.

Dann deutete sie nach draußen wo ein Typ grade die Mädels ansprach. Ich kannte den Typen. Es war ein Junkee und er versuchte sicher mal wieder irgendwie Geld zu bekommen. Ich setzte mich in Bewegung weil er nichmal aufgab als beide Frauen sich ins Auto setzten. Er lag schon fast auf der Scheibe.

"Also jetz braucht du nur nen Krankenwagen zu rufen wenn sich Rambo drum kümmern geht. "

Das war wieder mal Doms dummer Spruch und ich hob den Mittelfinger in seine Richtung und lachte laut. Die Tür öffnete sich und ich ging zielstrebig auf ihn zu.

Kurz vorm Auto brachte ich lautstark das Wort "Hey" raus, was ihn nicht ganz so sehr beeindruckte wie ich dachte.

"Was willst du hier ? " fragte ich ihn.

"Verpiss dich. " war seine Antwort darauf.

Er sah mich nichtmal an dabei. Ohne ein weiteres Wort ging ich noch näher ran. Als ich vor ihm stand versuchte ich es erneut sein Gehör zu bekommen.

"Alter du solltest mich lieber für voll nehmen ! " sagte ich lauter.

"Mann fick dich doch du Vogel."

Das reichte wirklich aus. Ich zog ihn so kräftig vom Auto weg das er sie Bodenhaftung verlor und in Richtung Zapfsäulen flog.

"Und jetz verzieh dich. " sagte ich und machte wieder einmal einen Fehler.

Ich drehte ihm den Rücken zu und wollte zu den Autos zurück gehen. Zeitgleich mit einem Klicken sah ich Sandra aus dem Auto springen.

"David. Paß auf ! " schrie sie.

Ich drehte mich zu ihm zurück aber es war nicht möglich auszuweichen. Ein heftiger brennender Schmerz durchzuckte meinen Körper als seine Klinge in meine Brust stach. Den Rest bekam ich nur in Zeitlupe mit.

Verschwommen sah ich das Leon wie ein Sturm auf den Typen zurannte und ihm ziemlich kräftig auf den Kiefer hämmerte. Mein Gedanke war das jetzt jemand einen Kiefer weniger hatte. Dann wurde es langsam dunkel. Die Schmerzen im Brustkorb nahmen mir das Bewußtsein und ich spürte nur das ich fallen würde. Ich fiel in Sandras Arme und sah verwischt ihr Gesicht über mir.

Sie schien immer wieder das Wort "Nein" zu sagen. Kurz hatte ich etwas salziges in meinem Mundwinkel und bekam benebelt mit das es eine Träne von ihr war.

"Das wird schon wieder." brachte ich schwach über die Lippen.

Dann wurde es dunkel um mich herum. Das letzte was ich noch mitbekam war das vertraute Geräusch eines Ford Mustang der mit hohen Drehzahlen um Kurven fuhr.

Ich haßte das Geräusch da es eine schlechte Erinnerung hervorrief.

6.10.09 10:00





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